Die 70-Millionen-Dollar-Wette um MH370

Eine der größten Rätsel der Luftfahrtgeschichte soll doch noch gelöst werden. Ein US-Unternehmen macht sich auf die Suche nach der verschollenen Boeing von Malaysia Airlines – und wird nur im Erfolgsfall bezahlt.




    „Seabed Constructor“
    „Seabed Constructor“

    Das norwegische Forschungsschiff soll das verschollene Wrack von MH370 aufspüren.

    (Foto: AP)

    BangkokDie Chancen stehen nicht schlecht. Auf 85 Prozent schätzt der malaysische Verkehrsminister Liow Tiong Lai die Wahrscheinlichkeit, dass eines der größten Rätsel der Luftfahrtgeschichte aufgeklärt wird: Wo liegt das Wrack der vermissten Malaysia Airlines Maschine MH370?

    Am Mittwoch vereinbarte der Minister mit dem amerikanischen Explorationsunternehmen Ocean Infinity einen Deal: Mit einem hochmodernen Schiff samt mehrerer Mini-U-Boote machen sich die Amerikaner auf die Suche nach dem Wrack. Sind sie erfolgreich, bezahlt Malaysia ihnen bis zu 70 Millionen US-Dollar. Scheitert die Expedition, geht das Unternehmen leer aus. Am 17. Januar beginnt die Suche, 90 Tage nimmt sich Ocean Infinity dafür Zeit. Das Schiff ist bereits auf dem Weg ins Zielgebiet.

    Seit fast vier Jahren ist die Boeing 777 mit 239 Passagieren an Bord nun verschollen. Im März 2014 verschwand die Maschine der malaysischen Fluggesellschaft auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking plötzlich vom Radar. Ermittler gehen davon aus, dass die Boeing noch mehrere Stunden weiterflog und schließlich im Indischen Ozean westlich von Australien ins Meer stürzte. Doch wo genau und warum, ist bis heute ein ungelöstes Rätsel.

    13.1.18 20:31, kommentieren

    Im Jahr 1975 ist Flora Stevens aus der Nähe von New York City mit 36 Jahren verschwunden, jetzt hat die Polizei die Vermisste durch einen Zufall in einem Altenheim ausfindig gemacht. Sie ist heute eine demente, 78 Jahre alte Frau. In dem Heim sprach sie nie mehr als zwei Wörter am Stück. Doch als man ihr ein Foto von Flora Stevens aus dem Jahr 1975 zeigte, deutete sie darauf und rief: „Ich!“. Das Altenheim führte sie unter dem Namen Flora Harris. Die Polizei verwies am Donnerstag (Ortszeit) dazu auf Medienberichte.

    Die medizinischen Unterlagen von Flora Harris gingen zurück bis Ende der 1980er-Jahre. Sie zeigen, dass sie in einem Krankenhaus in New York City war und danach in mehreren Altenheimen lebte. Durch ihre Demenz kann auch sie selbst die Lücke zwischen 1975 und dieser Zeit nicht schließen – wo sie war, wird wohl ein Rätsel bleiben.

    Am 3. August 1975 war Flora Stevens von ihrem Ehemann zu einem Arzttermin im Kreiskrankenhaus von Monticello (Bundesstaat New York) gefahren worden, hieß es in amerikanischen Berichten. Als er wiederkam, um sie abzuholen, war sie nicht mehr da. Er meldete sie als vermisst.

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    Über die Jahre sahen sich die Ermittler den Vermisstenfall immer wieder an, fanden jedoch partout keine Spuren: Flora Stevens blieb verschwunden – bis zu diesem Jahr. Da erhielt die lokale Polizei in Monticello einen Anruf von Ermittlern des Bundesstaats: Man habe sterbliche Überreste einer Frau gefunden, die auf die Beschreibung von Flora Stevens passten. Also suchten sie nach Verwandten der Vermissten, um mit einer DNA-Probe die Identität der Toten zu klären.

    Dabei machten sie einen Zufallsfund: Obwohl Stevens verschwunden war, benutzte jemand ihre Sozialversicherungsnummer – im benachbarten Bundesstaat Massachusetts. Zwei Ermittler fuhren über die Grenze und fanden sie schließlich in dem Altenheim. Obwohl sich der Fall wohl nie völlig aufklären lässt, zeigte sich der Sheriff von Monticello zufrieden: „Die Hauptsache ist zu wissen, dass es Flora gut geht.“

    10.12.17 16:07, kommentieren

    Frühbürgerliche Revolution 1. Entstehung und Entwicklung der frühbürgerlichen revolution

    Theorie der frühbürgerlichen Revolution

    Mit dem Konzept einer „deutschen frühbürgerlichen Revolution“ interpretieren marxistische Historiker →Reformation und →Bauernkrieg als sich wechselseitig beeinflussende historische Ereignisse, als revolutionären Prozess, der systemsprengende Wirkungen anzeigt. Die Genese des Konzepts führt zu Friedrich Engels zurück, der mit seiner zwischen 1843 und 1893 wiederholt verwendeten Terminologie die spätere Begriffsbildung beeinflusste.

    Alfred Meusel urteilte 1952: „Tatsächlich besteht zwischen der Reformation und dem Bauernkrieg der denkbar engste Zusammenhang - nicht etwa in dem Sinne, dass die Reformation die ‚Ursache‘ des Bauernkrieges ist, sondern in dem, dass die beiden Ereignisse zwei Etappen innerhalb ein und derselben Bewegung bilden. In den Jahren 1517 bis 1525 erlebt das deutsche Volk seine frühbürgerliche Revolution“ (Alfred Meusel, Thomas Münzer und seine Zeit, S. 41). Der Terminus wurde in der Fachliteratur zunächst ohne eine nähere Begründung übernommen. Erst als sowjetische Historiker 1956 eine Debatte über Charakter und historischen Standort von Reformation und Bauernkrieg begannen, wurde versucht, ihn inhaltlich genauer zu bestimmen. Das Signal gaben Thesen, die Max Steinmetz und seine Mitarbeiter 1960 vorlegten. Sie wurden seitdem eingehend diskutiert und das Konzept im Ergebnis innermarxistischer Debatten, beeinflusst von internationalen Reaktionen, erheblich variiert.

    Wenn ursprünglich hinsichtlich der Periodisierung vorgeschlagen wurde, das Revolutionsgeschehen von 1476 bis 1535 zu datieren, also vom Auftreten Hans Böheims, des „Pfeifers von Niklashausen“ im Taubertal, bis zur Täuferherrschaft in Münster und ihrer Niederwerfung, wurde dieses bald auf die Jahre 1517 bis 1525 eingegrenzt, also auf die Reformations- und Bauernkriegszeit im engeren Sinn. Aber auch die inhaltlichen Charakteristika erfuhren erhebliche Wandlungen. Anfangs wurde als Ursache des Revolutionsprozesses eine gesamtnationale Krise genannt, später eine gesamtgesellschaftliche Krise. Aufgegeben wurde die Auffassung, die hauptsächliche Aufgabe dieser Revolution sei „die Herstellung eines einheitlichen Deutschland und die Beseitigung alles dessen, was der Einheit der werdenden Nation entgegenstand“, gewesen, stattdessen der Lösung ökonomischer und sozialer Probleme am Beginn der Übergangsepoche zu einer bürgerlich-kapitalistischen Ordnung der Vorrang gegeben. In politischer Hinsicht sei es nicht um eine grundsätzliche Veränderung der Machtverhältnisse gegangen, sondern um die Veränderung des Kräfteverhältnisses zugunsten bürgerlicher Schichten. Über die Folgen hieß es in den Thesen, das „Klassenbündnis der Reaktion“ habe über die Ritterschaft, die Bauern und Städter und über die Täufer gesiegt.

    2. Ergebnisse der Diskussion um das frühbürgerliche Revolutionskonzept

    Im Ergebnis der langjährigen Diskussionen kann die inhaltliche Bestimmung der Begrifflichkeit wie folgt beschrieben werden: Die Charakterisierung von Reformation und Bauernkrieg als Revolution ist keine Erfindung der marxistischen Geschichtswissenschaft. Seit dem 19. Jahrhundert wurden beide Ereigniskomplexe wiederholt mit dem Revolutionsbegriff bedacht. Im Unterschied zu den älteren Traditionen werden jedoch die Wechselbeziehungen zwischen beiden Prozessen betont: Argumentation mit dem „göttlichen Recht“; Rezeption des reformatorischen Gemeindeprinzips, des Schlagworts von der „christlichen Freiheit“ und der Gleichheit aller Menschen vor Gott; Aufnahme reformatorischer Forderungen in die Artikel der Dorfgemeinden und Stimulierung städtischer Bewegungen unter dem Eindruck und Einfluss bäuerlicher Erhebungen. Da von Reformation und Bauernkrieg systemsprengende Wirkungen ausgingen, wird ihnen Revolutionsqualität zugesprochen, denn die tradierte kirchliche und weltliche Ordnung wurde partiell infrage gestellt und programmatisch wie realiter der Versuch unternommen, die gesellschaftlichen Beziehungen und die sie absichernde kirchliche und weltliche Ordnung neu zu gestalten.

    Mit der Charakterisierung dieser Revolution als bürgerlich ist beabsichtigt, den Revolutionsbegriff sozial zu profilieren: Die gesellschaftlichen Prozesse und Konflikte verweisen tendenziell auf die Notwendigkeit, den Weg zu einer bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft zu öffnen. Damit wird respektiert, dass in der frühen Phase der Reformation überwiegend städtische Schichten reformatorische Lehren und Forderungen rezipierten und in vielen Kommunen praktische Konsequenzen daraus gezogen wurden. In der Phase des Bauernkriegs setzte dieser Prozess sich fort, indem nun neben städtischen Schichten der „gemeine Mann“ in den Dorfgemeinden aktiv wurde und die soziale Basis der revolutionären Bewegung sich verbreiterte. Im Ergebnis erfolgte in verschiedenen Regionen des Reichs eine Verbürgerlichung des Kirchenwesens und eine Ausweitung des Einflusses der Gemeinden (Respektierung der Normen des Evangeliums, Einschränkung des Geltungsbereichs geistlichen Rechts, Beseitigung des privilegierten Status der Geistlichkeit, Aufhebung von Klöstern und Säkularisierung geistlichen Besitzes, Ausweitung der Berechtigungen von Dorf- und Stadtgemeinden, soziale Entlastung und politische Partizipation des „gemeinen Mannes&ldquo.

    Die Charakterisierung als frühe Form einer bürgerlichen Revolution berücksichtigt die - im Vergleich mit späteren Revolutionen - spezifischen Bedingungen: Zum einen existierte noch keine säkularisierte Gesellschaft, so dass die Bewegungen die religiösen Grundlagen der Gesellschaft und die Dominanz des Kirchenwesens respektieren mussten. Zum anderen handelte es sich um den Beginn des Transformationsprozesses von der feudalen zur bürgerlichen Gesellschaft, was Problemlösungen noch limitierte. Insofern war es eine „Auftaktrevolution“, die eine erste Phase im Übergang zu einer neuen Ordnung anzeigte.

    3. Im Gespräch mit Reformations-, Bauernkriegs- und Täuferforschung

    Das Konzept wurde von nichtmarxistischen Historikern zuerst ignoriert oder ohne Diskussion zurückgewiesen, schließlich aber als Herausforderung angenommen, um über Gegenkonzepte nachzudenken: zum Beispiel Reformation und Bauernkrieg als „neue Dimension eines gesamtgesellschaftlich wirksamen Konflikts“ (Winfried Schulze), „Revolution des gemeinen Mannes“ (Peter Blickle), „Systemkonflikt des ‚gemeinen Mannes‘ in Stadt und Land mit seiner Herrschaft“ (Rainer Wohlfeil).

    Die Debatte wurde nach der „Wende“ von 1989 nicht weitergeführt, aber Fragen sind damit nicht erledigt. So legt zum Beispiel der Terminus „Early modern revolutions“ die Frage nahe, ob es einen eigenständigen Typ frühneuzeitlicher Revolutionen gibt, die (fast) immer von Reformationen begleitet wurden (im Reich - lutherisch geprägte Reformation, in den Niederlanden - Calvinismus, in England - Puritanismus). Insofern waren alternative Gesellschaftsvorstellungen religiös geprägt, wurden egalitäre Ansprüche mit dem Evangelium motiviert, hegten Endzeiterwartungen die Hoffnung auf eine neue „Welt“, und auch das Widerstandsrecht fand im Evangelium seine Legitimation.

    Da auch die →Täufer und die Täuferherrschaft in →Münster - wenn auch nur am Rand - in dem Konzept eine Rolle spielten, wurde mit der Debatte auch das Interesse marxistischer Historiker an der Täufergeschichte geweckt, zumal Autoren seit dem 16. Jahrhundert in Thomas →Müntzer einen der Väter des Täufertums sahen. Das dokumentieren zuerst die Beiträge von Gerhard Zschäbitz Zur mitteldeutschen Wiedertäuferbewegung nach dem großen Bauernkrieg (1958) und Gerhard Brendler Das Täuferreich zu Münster 1534/35 (1966). Die →Täuferforschung insgesamt wurde nur gelegentlich von Fragestellungen, die in der „Theorie der frühbürgerlichen Revolution“ eine Rolle spielten, berührt. Unter direktem Einfluss der marxistischen Geschichtsschreibung allgemein stand Albert F. →Mellink mit seiner Untersuchung zum niederländischen Täufertum (De Wederdopers in de Noordelijke Nederlanden 1531-1544, Groningen 1953; 1954; Leeuwarden 1981); Anregungen wurden aber hier und da von der sogenannten revisionistischen Täuferforschung aufgenommen, die sich mehr als bisher um die soziale und wirtschaftliche Verankerung der täuferischen Bewegungen, ihrer Herrschaftskritik und radikalen Theologie, bemühte. Die neue Deutung der „Radikalität der Reformation“ (James M. Stayer und Hans-Jürgen Goertz (Hg.), Radikalität und Dissent, 2002) wäre ohne die Gesprächsnähe zu marxistischen Historikern in der Deutschen Demokratischen Republik nicht auf den Weg gebracht worden.

    Literatur (Auswahl)

    Alfred Meusel, Thomas Müntzer und seine Zeit, Berlin 1952. - Max Steinmetz, Die frühbürgerliche Revolution in Deutschland (1476-1535). Thesen. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 8, 1960, 114-124. - Rainer Wohlfeil (Hg.), Reformation oder frühbürgerliche Revolution, München 1972. - Josef Foschepoth, Reformation und Bauernkrieg im Geschichtsbild der DDR. Zur Methodologie eines gewandelten Geschichtsverständnisses. Berlin 1976. Rainer Wohlfeil, Einführung in die Geschichte der deutschen Reformation, München 1982, S. 174-199. Hans-Jürgen Goertz, Pfaffenhaß und groß Geschrei. Die reformatorischen Bewegungen in Deutschland 1517-1529, München 1987. - Peter Blickle, Die Revolution von 1525. 3., erweit. Aufl., München 1993, S. 280-288. - James M. Stayer und Hans-Jürgen Goertz (Hgg.), Radikalität und Dissent im 16. Jahrhundert (Radicalism and Dissent in the Sixteenth Century), Berlin 2002. - Günter Vogler, Das Konzept „deutsche frühbürgerliche Revolution“. Genese - Aspekte - kritische Bilanz. In: Ders., Signaturen einer Epoche. Beiträge zur Geschichte der frühen Neuzeit, hg. von Marion Dammaschke, Berlin 2012, S. 59-88. Ders., Revolte oder Revolution? Anmerkungen und Fragen zum Revolutionsproblem in der frühen Neuzeit. In: Ebenda, S. 89-121.

     

    Günter Vogler

     

     
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    13.12.17 10:50, kommentieren

    Gepfuscht wird hier nicht“ „Gepfuscht wird hier nicht“

    Donnerstag, 25. Juli 2013

    „Gepfuscht wird hier nicht“

    „Gepfuscht wird hier nicht“+Zur Fotostrecke„Gepfuscht wird hier nicht“

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    KekseBaiserKonditorwareHamburgRose-Marie Patzer-WeberKonditorei Weber

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    Von Katharina Ott

    Rose-Marie Patzer-Weber ist Hamburgs Baiserkönigin

    Sie prüft Menschen genau. Dem Fremden, der ihre Konditorei Weber in Hamburg betritt, schaut Rose-Marie Patzer-Weber direkt in die Augen. Mit kräftigem Händedruck begrüßt sie ihn. „Möchten Sie einen Kaffee?“ fragt Patzer-Weber. Der Mann nickt. Die Prüfung hat er vorerst bestanden.

    Die gute Menschenkenntnis habe sie durchs Leben gebracht, erzählt die Konditorin. Sie ist 75 Jahre alt. Die modernen Zeiten gefallen ihr nicht. Sie setzt auf alte Werte wie Pünktlichkeit, Ehrgeiz und gute Manieren. „Viele Leute bringen das nicht mehr mit“, sagt Patzer-Weber. Sie selbst wäre ohne diese Eigenschaften nie so weit gekommen.

    „Wir sind im Zweiten Weltkrieg nach Ostpreußen geflohen. Das waren schwere Zeiten“, erinnert sie sich. „Hunger und Durst mussten wir aber nie leiden.“ Das Mädchen war wissbegierig. Bücher gab es wenige, nur ein Lexikon. Das las sie wieder und wieder. „Ein Geschenk fürs Leben“, sagt Patzer-Weber. „Ich habe alles im Kopf gespeichert.“ In der Schweiz der 1950er-Jahre lernte und arbeitete sie als Konditorin. Ihre Meisterprüfung schloss sie in Hamburg als Einzige mit der Bestnote ab. „Ich habe heimlich geübt“, sagt sie. „Man muss immer alles richtig machen, sonst lässt man es lieber bleiben.“

    Eigentlich wollte sie Tierärztin werden. In der damaligen Zeit für Mädchen undenkbar. Sie hat einige Schicksalsschläge eingesteckt. Das hat sie zäh gemacht. „Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen“, zitiert sie Goethe. Sie ist dankbar, dass sie die Tiefs überwunden hat. Und sie hat sich in die Arbeit gekniet. Patzer-Weber übernahm den Betrieb ihres Vaters und steuerte ihn durch schwere Zeiten. Einige Kollegen von damals sah sie scheitern. Ihr eigener kleiner Laden blieb auf Kurs. Sie hat nicht jede Mode mitgemacht: In der Backstube hält man vergebens nach Maschinen Ausschau. Der Ofen ist über 60 Jahre alt, die Anschlagmaschine bereits 75 Jahre. „Es macht einen Unterschied, ob ich die Baisermasse sorgfältig mit der Sterntülle auf das Blech dressiere, oder ob das von der Maschine übernommen wird“, sagt die Konditorin. Sie spricht Klartext

    Die Theke mit den frischen Baisers ist bis heute das Herzstück ihres Ladens. Auf rund acht Metern Länge stehen Regale mit mehr als einhundert verschiedenen Baisers. Die einen enthalten Fruchtnuancen von Ananas über Kirsche bis Zitrone. Andere werden von Schildchen als Kümmel-, Paprika- oder Senf-Baisers ausgewiesen.

    In der Backstube, die unter dem Verkaufsraum liegt, werkeln zwei Konditorinnen und ein Bäcker. Geredet wird kaum. Der Bäcker backt Kekse, während die Konditorinnen dabei sind, Baisers auf Bleche zu spritzen. Patzer-Weber läuft zwischen Backstube und Verkaufsraum hin und her. Sie gibt Anweisungen und nimmt Telefonate an. Als eine Frau von der Presse anruft, lehnt sie ab: „Erst diese Woche haben sie bei uns Großstadtrevier gedreht.“

    Ihren Mitarbeitern gegenüber ist sie freundlich, aber bestimmt. „Gepfuscht wird hier nicht“, weist sie zurecht. Gelingt etwas nicht, schimpft sie nicht. Als ihrem Bäcker die Torte herunterfällt, ist sie still. „Der ärgert sich doch selbst schon genug.“ Hält sich aber jemand nicht an das Rezept oder verschwendet Lebensmittel, zeigt sie kein Verständnis. „Dafür hungern zu viele Kinder auf der Welt.“

    Auch ihre fünf Angestellten hat Patzer-Weber im Vorstellungsgespräch unter die Lupe genommen. Halten sie Blickkontakt? Ist der Händedruck kräftig? Haben sie Manieren gelernt? „Es ist schwer geworden, gutes Personal zu finden“ sagt sie. Aus ihrem Schrank holt sie einen Stapel Bewerbungen. Lose Schreiben ohne Mappe. Sie hat die Bewerbungen nicht beantwortet. „Man muss sich schon Mühe geben“, sagt sie. „Lehrlinge stelle ich nicht mehr ein. Das ist heute eine andere Zeit.“ Den letzten setzte sie vor die Tür. Fünf Tage lang war der Mitarbeiter pünktlich, am sechsten kam er unbegründet zu spät. Einen siebten Tag gab es nicht. Ebenso haben Menschen, die Kinder und Tiere nicht mögen, bei ihr nichts verloren. Als ein Kind sie fragte, ob es ihre Backstube sehen könnte, war sie einverstanden. Der Bäcker schickte es weg: „Ich kann hier keine Kinder gebrauchen.“ Am Abend drückte sie dem Bäcker die Kündigung in die Hand. Sie selbst hat keine Kinder, aber einen Mops. Der Mops heißt König und thront in ihrem Büro. Er vermisst seinen Spielkameraden, den Boxer Tobi, der an Weihnachten gestorben ist. Ein Verlust für König und Konditorin. Bilder in der Hundeecke der Konditorei erinnern an Tobi. Für fremde Hunde gibt es hier einen Imbiss: Wasser und Leberwurstkekse. Die Kekse stellt sie selbst her. Das Rezept hat sie sich patentieren lassen. Ideen sammelt sie auf Reisen

    Ihre Ideen sammelt sie auf Reisen. Sie ist herumgekommen in der Welt. „Reisen bildet. Wenn man jung ist, sollte man viel reisen.“ New York hat sie fasziniert. „Die Stadt hat eine besondere Stimmung.“ Heute bleibt sie lieber in Hamburg. „Für alles gibt es einen Lebensabschnitt. Heute habe ich keine Zeit mehr zu reisen.“ Sie könnte in Rente gehen. „Aber wieso soll ich etwas aufhören, das mir Spaß macht?“

    Bislang gibt es keinen Nachfolger. Eines ist sicher: Er muss das Herz auf dem rechten Fleck haben. Wie sie selbst. Sie erzählt von dem Studentenpaar ohne Geld, das so gerne eine Hochzeitstorte wollte. Patzer-Weber schrieb eine Rechnung über Null Mark. Nach ein paar Jahren kam das Paar zurück mit einem riesigen Blumenstrauß und der Bitte, die Torte bezahlen zu dürfen. Es durfte eine Spende machen. Als ein Kunde zu Silvester ein Tablett mit Senf gefüllten Berlinern orderte, sogar 100 Euro pro Stück zahlen wollte, weigerte sie sich. „Die Berliner werden weggeschmissen.“ Sie backt nicht für den Müll.

    Ihre Erinnerungen schreibt Rose-Marie Patzer-Weber bald in einem Buch auf. Die Geschichten sind im Kopf. Das Lexikon hat ihr Gedächtnis trainiert. anfang oktober 2017 ist diese kleine tapfere frau verstorben. Wir ehren ihr andenken.

    28.11.17 19:29, kommentieren

    Der Schrott bleibt

    undeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hat sein umstrittenes Votum auf EU-Ebene für die Verlängerung der Zulassung des Unkrautvernichters Glyphosat nach eigenen Angaben allein getroffen. "Ich habe die Entscheidung für mich getroffen und in meiner Ressortverantwortung", sagte Schmidt im ARD-"Morgenmagazin". Er trat damit Spekulationen entgegen, sein in der Bundesregierung nicht abgestimmtes Vorgehen sei möglicherweise in Absprache mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erfolgt. Schmidt verteidigte zugleich seine Entscheidung, trotz eines Einspruchs von SPD-Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) für die Freigabe des möglicherweise krebserregenden Mittels für weitere fünf Jahre zu stimmen als "rein sachorientiert". Schmidt wies darauf hin, dass ansonsten die EU-Kommission die Zulassungsverlängerung beschlossen hätte. So habe er erreicht, den Glyphosat-Einsatz "für privaten Gebrauch und für andere Gebräuche zu reduzieren". Generell solle in Deutschland der Glyphosat-Einsatz stark reglementiert werden. Angesichts der Meinungsverschiedenheiten in der Bundesregierung hätte deren Geschäftsordnung eigentlich eine Stimmenthaltung im zuständigen EU-Ausschuss vorgeschrieben. Darüber hatte sich Schmidt am Montag hinweggesetzt, was in der SPD Empörung auslöste. Führende SPD-Politiker sprachen von einem Vertrauensbruch und einer schweren Belastung für die anstehenden Gespräche über eine mögliche weitere Zusammenarbeit mit der Union. "Das sind Dinge, die ich auf meine Kappe nehmen muss", sagte Schmidt. Die Grünen forderten im Falle eines Alleingangs des Ministers dessen Rücktritt. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der Weltgesundheitsorganisation WHO hatte Glyphosat 2015 als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft. Andere Experten kamen allerdings zu anderen Ergebnissen. Unabhängig davon gilt Glyphosat nach Einschätzung von Umweltexperten allerdings auch als Gefahr für die Artenvielfalt, besonders für Bienen und andere Insekten sowie für Vögel.

    28.11.17 11:57, kommentieren

    hakenkreuz entdeckt

    Hamburg: Baggerfahrer findet riesiges Hakenkreuz

    Er wollte eigentlich die Fundamente für neue Umkleidekabinen vorbereiten und machte einen ungewöhnlichen Fund: Auf einem Hamburger Sportplatz hat ein Baggerfahrer ein immenses Hakenkreuz ausgegraben. Das vier mal vier Meter große Nazi-Symbol war unter der Erdoberfläche versteckt, wie der erste Vorsitzende des Sportvereins Billstedt-Horn, Joachim Schirmer, am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur sagte. Ins Hein-Klink-Stadion in Hamburg-Billstedt müsse jetzt erstmal das Denkmalschutzamt kommen, heißt es, und dann solle das Hakenkreuz so schnell wie möglich verschwinden, sind sich die Bezirkspolitiker einig. Sie sprechen von einer "fürchterlichen Nazi-Hinterlassenschaft". Der Fund sei so groß und schwer, dass der Bagger ihn nicht wegbewegen konnte. Es müsse wohl mit einem Presslufthammer zerstört werden.

    Ein Platzwart entfernt im Stadion in die Abdeckplane von dem Hakenkreuz aus Beton neben dem Sportplatz. Bei Bauarbeiten ist ein Baggerfahrer auf das riesige Hakenkreuz gestoßen

    Ein Platzwart entfernt im Stadion in die Abdeckplane von dem Hakenkreuz aus Beton neben dem Sportplatz. Bei Bauarbeiten ist ein Baggerfahrer auf das riesige Hakenkreuz gestoßen

    21.11.17 13:18, kommentieren

    koreanische grenze als touristenattraktion

    Die koreanische Grenze als Touristen-Attraktion

    Von Sönke Krüger | Veröffentlicht am 03.10.2010 | Lesedauer: 10 Minuten
    Nur 50 Kilometer von Südkoreas glitzernder Hauptstadt Seoul entfernt liegt Panmunjom. In dem Grenzort lebt der Kalte Krieg noch fort.
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    Von Süden nach Norden geht der Blick, über eine Grenzlinie hinweg in dasselbe Land und doch in eine andere Welt. Nach Nordkorea. Ein längliches graues Haus ist zu sehen, 80 Meter entfernt, sozialistischer Funktionalismus auf drei Etagen. Auf dem Gebäude mehrere Kameras, auf uns gerichtet, vor dem Haus eine Treppe, einige akkurat gestutzte Ziersträucher, drei hellblau gestrichene Baracken und: der Feind. So wird die nordkoreanische Volksarmee im Süden offiziell genannt. Der Feind also trägt eine unvorteilhaft geschnittene, schlammfarbene Uniform und Stahlhelm, blickt starr und steht stramm – einen Steinwurf weit von uns und nur Zentimeter entfernt von der Waffenstillstandslinie des Koreakriegs, die die Halbinsel Korea seit dem 27. Juli 1953 zerschneidet in einen kommunistischen Norden und einen westlich orientierten Süden.

    Genau genommen sind es drei Feinde, sprich nordkoreanische Soldaten, derer wir hier ansichtig werden, in Panmunjom, dem einzigen Grenzort zwischen den beiden Koreas, geteilt wie das ganze Land in einen Nord- und einen Südteil und Schauplatz eines absurden Grenztheaters, das hier tagtäglich inszeniert wird. Was Panmunjom wiederum spannend und zu einer Touristenattraktion ersten Ranges macht, wo sonst auf der Welt kann man den Kalten Krieg heutzutage noch im Original besichtigen?

    Die Protagonisten geben sich alle Mühe, den Erwartungen des Publikums gerecht zu werden. Zwei der drei nordkoreanischen Soldaten haben sich, im Stechschritt marschierend, direkt an der Waffenstillstandslinie (einer akkurat gegossenen Betonschwelle, die exakt in der Mitte zwischen besagten blauen Baracken verläuft) postiert. Sie blicken merkwürdigerweise nicht, wie man vermuten würde, nach Süden, wo der kapitalistische Klassenfeind steht, nein, sie stehen parallel zur Grenzlinie und starren einander in die Augen. Würden sie einen Schritt zur Seite tun, nach Süden, wären sie bereits in Südkorea. Deshalb mustern sie sich gegenseitig, sagt Frau Kim, unser Tour-Guide – sobald einer fliehen wollte, würde der andere auf ihn schießen. Soldat Nummer drei steht ein paar Meter weiter nördlich und kehrt seinen Kameraden und Südkorea den Rücken zu. Diese Aufstellung haben sie immer, wenn eine nordkoreanische Besuchergruppe die Grenzbaracken besichtigt, erklärt Frau Kim. So haben sie im Blick, ob jemand womöglich aus dem Norden in den Süden „rübermachen“ will. Der letzte Zwischenfall dieser Art ereignete sich 1984. Damals lief ein Sowjetbürger über die Grenze, nordkoreanische Soldaten verfolgten ihn, es gab eine Schießerei und vier Tote.

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    Auf südkoreanischer Seite folgen die Grenzer – deutlich schnittiger uniformiert – einer anderen Choreografie. Sie stehen nicht direkt an der betonierten Waffenstillstandslinie, sondern postieren sich, den Blick nach Norden gerichtet, ein paar Meter entfernt an den südlichen Ecken der blauen Grenzbaracken. Hinter denen könnten sie im Falle eines Schusswechsels Deckung suchen. Alle beherrschen Taekwondo, sind mindestens 1,77 Meter groß und tragen auch bei schlechtem Wetter Sonnenbrillen; ziemlich lässige, verspiegelte Modelle. Damit sollen Blickduelle mit den Nordkoreanern verhindert werden, sagt Frau Kim.

    Unsere Gruppe ist eine Busladung Touristen aus Japan, China, Australien, England, Polen, Norwegen und Deutschland, alle haben bei einem autorisierten Reiseveranstalter eine Tagestour an die Grenze gebucht. Individuelle Abstecher sind nicht möglich, erlaubt sind allein organisierte Tagesausflüge unter Kontrolle des United Nations Command (UNC), jener Militäreinheit unter amerikanischer Führung, die die Grenze im Süden bewacht und zu 95 Prozent aus südkoreanischen Soldaten besteht. Gut 100.000 Grenztouristen jährlich werden im Süden gezählt – allesamt Ausländer; Südkoreanern ist ein Ausflug nach Panmunjom untersagt.

    Panmunjom, früher ein Dorf, ist heute ein militärischer Posten, gut einen halben Quadratkilometer groß. Seit dem Zusammenbruch des Kommunismus in Europa ist er der einzige Ort weltweit ist, an dem sich beide Seiten unmittelbar gegenüberstehen. Wie bis 1989 Ost und West im geteilten Berlin. Ringsherum ist das Niemandsland der DMZ, der demilitarisierten Zone, vier Kilometer breit, 250 Kilometer lang.

    Im Süden gibt es nur eine bewohnte Siedlung in dem ansonsten menschenleeren Gebiet: Taesong-dong (Freedom Village). Die 500 Einwohner bauen Reis unter den Augen bewaffneter UNC-Soldaten an. Auszumachen ist der Ort schon von Weitem, er wird überragt von einem 100 Meter hohen Fahnenmast mit der südkoreanischen Flagge obendrauf. Gegenüber liegt Kichong-dong (im Norden Peace Village, im Süden Propaganda Village genannt), wo die Nordkoreaner als Reaktion auf den südkoreanischen Flaggenpfahl den höchsten Fahnenmast der Welt aufstellten. Er misst 160 Meter, auf seiner Spitze flattert bis weit in den Süden sichtbar die nordkoreanische Flagge.

    Zerschlissene Jeans und Flipflops sind verboten

    Wer nach Panmunjom will, muss sich ordentlich anziehen und gut benehmen. Die UNC hat einen Dresscode erlassen und ein Alkoholverbot verhängt. Beides werde strikt kontrolliert, hatte Frau Kim uns im Bus auf der Fahrt von Seoul zur Grenze gewarnt. Soll heißen: Zerschlissene Jeans und Flipflops sind genauso verboten wie kurze Hosen, ärmellose Hemden, Kleidungsstücke mit militärischen Mustern oder aufgedruckten kommunistischen Symbolen. Erst vorige Woche musste ein Engländer, der eine nicht genehme Hose trug, diese umstülpen und mit dem Muster nach innen tragen, hatte Frau Kim ergänzt. Und tatsächlich: Am ersten Checkpoint stieg nicht nur ein bewaffneter Soldat ein und begleitete uns die gesamte Zeit („zu Ihrem Schutz!&ldquo, sein Kollege kontrollierte neben unseren Pässen und Gesichtern auch unsere Kleidung und ließ sich unsere Schuhe zeigen.

    Unser Beschützer teilte uns mit, dass ab jetzt nur noch dann fotografiert werden dürfe, wenn er es ausdrücklich erlaubt habe. So konnten wir das Schild mit der Aufschrift „Pyeongyang 205 km“ nur heimlich knipsen. Schon komisch: Gäbe es die Grenze nicht, man wäre in zwei Stunden in der nordkoreanischen Hauptstadt. Auf beiden Seiten träumt man offiziell von der Überwindung der Teilung, es gibt im Norden wie im Süden ein Vereinigungsministerium, jede Seite nimmt für sich in Anspruch, Repräsentant des „wahren Koreas“ zu sein. Als Südkoreas Präsident jüngst die Idee einer Wiedervereinigungssteuer ins Gespräch brachte, stieß das indes nicht auf allgemeine Begeisterung.

    Und der Chef der staatlichen südkoreanischen Tourismusorganisation, ein gebürtiger Deutscher, der seit 32 Jahren in Südkorea lebt, als Bernhard Quandt geboren wurde und heute Charm Lee heißt und sich mit geteilten Heimatländern also auskennt, sagt: „Als die Deutschen sich vor 20 Jahren vereinigten, waren die Südkoreaner zuerst sehr neidisch. Aber dann haben sie gemerkt, eine Vereinigung ist nicht so einfach – und teuer. Seither ist die Begeisterung für die Wiedervereinigung total zurückgegangen, 80 Prozent der Südkoreaner denken nur mit Kopfschmerzen daran.“ Gefragt würden sie im Zweifelsfall allerdings nicht: Die Verfassung sieht eine „friedliche Vereinigung“ vor, eine Volksabstimmung darüber ist nicht vorgesehen.

    Angst und Feindschaft sitzen tief

    Wer die Grenze sieht, kann sich diese Vereinigung indes nur schwer vorstellen. Angst und Feindschaft haben sich tief in den Köpfen festgesetzt, und der „eiserne Vorhang“, der Korea zerschneidet, ist mit Stacheldraht und Wachtürmen, Panzersperren und Minen noch immer gepflastert und so undurchlässig wie seinerzeit die innerdeutsche Grenze. Die Nordkoreaner haben sogar sogenannte Infiltrationstunnel unter der Grenze gegraben, die kilometerweit nach Südkorea hineinreichen. Durch sie hätten Zehntausende kommunistischer Soldaten unter der Waffenstillstandslinie hindurch im Süden einmarschieren können. Vier solcher Anlagen haben die Südkoreaner bisher entdeckt. Eine davon, „The Third Infiltration Tunnel“, kann besichtigt werden. Er ist in 73 Meter Tiefe in den Fels hineingesprengt. Beim Rückzug haben die Nordkoreaner die Wände noch schnell mit Kohle beschmiert, um sich danach rausreden zu können, der Tunnel sei doch, wie man sehe, eigentlich eine Kohlemine und beim Kohleabbau sei man wohl versehentlich auf südkoreanisches Gebiet geraten.

    Absurd, natürlich, genauso absurd wie die Tatsache, dass es diese Grenze überhaupt noch gibt – als hätte es den Zusammenbruch des Kommunismus und die friedliche deutsche Wiedervereinigung vor 20 Jahren nicht gegeben. Absurd ist freilich auch die „Visitor Declaration UNC REG 551-1“, die jeder Besucher unterschreiben muss, bevor er ins Allerheiligste, die Grenzbaracken, vorgelassen wird. „Der Besuch von Panmunjom führt in feindliches Gebiet und birgt die Gefahr von Verletzung oder Tod durch direkte Feindeinwirkung“, heißt es gleich im ersten Absatz. Und weiter: Weder das United Nations Command noch die USA noch die Republik Korea könnten die Sicherheit von Besuchern garantieren, deshalb werde keine Haftung für Folgen „feindlicher Akte“ übernommen. Verbrüderung und Gespräche mit den Angehörigen der nordkoreanischen Volksarmee, also dem Feind, seien strikt verboten, ebenso dürfe nicht gewinkt oder Richtung Norden gedeutet werden. „Sollte sich ein Zwischenfall ereignen, bleiben Sie ruhig und folgen Sie den Anweisungen des Sicherheitspersonals.“ Alle aus unserer Gruppe unterschreiben. Ob auch Bundeskanzler Helmut Kohl, der 1993 hier war, und US-Außenministerin Hillary Clinton, die erst im Juli dieses Jahres in Panmunjom vorbeigeschaut hat, das Papier signiert haben, ist nicht zu erfahren.

    Das Fotografieren ist streng reglementiert

    Über das Gelände dürfen wir nur in Zweierreihen marschieren („für Ihre Sicherheit!&ldquo. Ungefähr 20 Meter von den blauen Grenzbaracken entfernt müssen wir uns in Reih und Glied aufstellen und dürfen endlich fotografieren, aber nur Richtung Norden („zwei Minuten!&ldquo. In diesem Moment verlässt die nordkoreanische Besuchergruppe – nicht wie wir in Marschformation, sondern locker schlendernd – die mittlere blaue Baracke. Die nordkoreanischen Grenzer treten im Stechschritt aus dem Blickfeld. Kurz darauf können wir, begleitet von zwei bewaffneten, sonnenbebrillten Soldaten, die Grenzbaracke betreten: einen schlichten Raum mit Fenstern nach Ost und West, einer Tür nach Norden und einer nach Süden, ein paar Tischen, rund zwei Dutzend gepolsterten Stühlen und je einer Samsung-Klimaanlage auf beiden Seiten. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass die Nordkoreaner ausgerechnet an diesem symbolträchtigen Ort auf südkoreanische Kühltechnik zurückgreifen ...

    Einer der südkoreanischen Grenzer postiert sich in der Raummitte, direkt auf der Grenzlinie, die quer durch die Baracke und quer über den mittleren Konferenztisch verläuft. Hier treffen sich manchmal innerkoreanische Delegationen, die dann zwar am selben Tisch, aber in verschiedenen Ländern sitzen. Wir dürfen nichts berühren, aber fotografieren („zwei Minuten!&ldquo und um den Tisch herumgehen, also visumfrei nordkoreanisches Gebiet betreten. Dort steht der zweite Soldat und versperrt die Tür Richtung Norden. Jemanden zurückweisen muss er nicht – aus unserer Gruppe macht niemand Anstalten überzulaufen.

    Die Hügel drüben sind merkwürdig kahl

    Auf der Rückfahrt auf dem „Freedom Highway“ nach Seoul, das nur 50 Kilometer von der Grenze entfernt liegt, geht es ein Stück an einem breiten Fluss entlang, das Südufer ist mit Stacheldraht und Wachtürmen gesichert. „Damit von Norden niemand unbemerkt einsickert“, sagt Frau Kim. Auf der gegenüberliegenden Flussseite beginnt Nordkorea. „Achten Sie auf die Bäume“, ergänzt unser Tour-Guide. Hüben, im südkoreanischen Zonenrandgebiet, stehen viele Bäume und Sträucher, ganze Wälder. Drüben sind die Hügel merkwürdig kahl. „Sie haben alles abgeholzt. Aber nicht, um die Grenze besser überblicken zu können, sondern, weil sie Brennholz brauchen.“

    Während der Bus in das Hochhausmeer von Seoul eintaucht, während Leuchtreklamen und Wolkenkratzer der Elf-Millionen-Metropole am Fenster vorbeiziehen, während auf den Bürgersteigen das Leben tobt zwischen Kiosken und Märkten, Boutiquen und Cafés, während die Menschen bummeln oder zur U-Bahn eilen, ein Eis essen oder an einer Garküche eine Nudelsuppe schlürfen, während sie zusammenstehen und plaudern oder lachen, denke ich an meine erste Klassenreise nach Berlin. An die unwirschen DDR-Grenzer in unvorteilhaft geschnittener Uniform, an die Atmosphäre der Angst auf der Transitstrecke nach West-Berlin, an die Mauer am Brandenburger Tor, wo man von der Aussichtsplattform aus die „Brüder und Schwestern“ sehen und hinüberwinken konnte, an die Ostpakete mit Westkaffee, die wir zu Weihnachten verschickt haben, an den aufregenden ersten Besuch der Ostverwandtschaft im Westen wegen einer „dringenden Familienangelegenheit“.

    Ich male mir aus, wie in Pjöngjang demnächst die Menschen durch die Straßen ziehen und erst „Wir sind das Volk!“ rufen werden und dann „Wir sind ein Volk!“. Und ich erinnere mich daran, dass sich im Sommer 1989 in der Bundesrepublik niemand vorstellen konnte, dass die Mauer wenige Monate später fallen und dass Deutschland am 3. Oktober 1990 wiedervereinigt sein würde.

    Die Reise wurde unterstützt von Korean Air und Studiosus.

    21.11.17 13:10, kommentieren