Braune Tarnkappe
Wie die NPD auch in Hamburg kommunalpolitisch Einfluss erlangen möchte und sich dabei eines Tarnvereins bedient.
Am 24. Januar 2012 beschloss die Stadtteilkonferenz in Hamburg-Bramfeld sich gegen mögliche neofaschistische Einflussnahme zu erwehren. Dies war nötig geworden, da seit geraumer Zeit Jan-Steffen Holthusen, ein langjähriger Nazi-Kader, mehrmals an den Treffen teilnahm. Seit Dienstag ist nun nach gründlicher Diskussion beschlossen worden, dass Angehörige neofaschistischer Organisationen nach § 6, Absatz 1 des Versammlungsgesetzes zukünftig von der Stadtteilkonferenz ausgeschlossen sind. Die Stadtteilkonferenz handelte damit richtig, denn Holthusen ist kein bloßer Mitläufer. Seine Karriere begann er bei der verbotenen Kameradschaft „Hamburger Sturm“ und trat schon vor Jahren in die NPD ein, wo er bis 2010 im hiesigen Landesvorstand saß.
In Hamburger Nazikreisen gilt er als „bester SA-Mann der Stadt“ und eigentlicher Strippenzieher der Partei. Um seinen Arbeitsplatz bei einem großen Versicherungskonzern nicht zu gefährden, ist der adrett auftretende 35-Jährige aktuell nicht mehr im NPD-Landesvorstand. Er ist aber bei allen wichtigen Veranstaltungen dabei und soll aktuell noch den Posten des Landesgeschäftsführers inne haben.
Kommunalpolitik á la NPD
Die NPD pflegt bekanntlich mehrere Images. Einerseits fällt sie immer wieder mit provokativen Aktionen und Parolen auf, veranstaltet Naziaufmärsche und ist an gewalttätigen Übergriffen beteiligt.
Andererseits pflegt sie das Image der Kümmererpartei, möchte für die Menschen vor Ort ansprechbar sein. Bisher war diese Basisarbeit in Kommunalparlamenten, in Sport- und Kulturvereinen, bei Bürgerfesten usw. vor allem aus Ostdeutschland bekannt. Auf Bundesebene hat die NPD schon 2003 eine Kommunalpolitische Vereinigung (KPV) gegründet, welche die Kader in entsprechendem Auftreten und Handeln vor Ort schulen und unterstützen soll. Der Mitbegründer der KPV Rolf Haschke schrieb 2004 im NPD-Organ Deutsche Stimme, dass „eine politische Führungsrolle in
Deutschland nur dann erreicht werden kann, wenn Nationaldemokraten in den Städten und Gemeinden eine feste Größe darstellen.“ Diese Graswurzelarbeit passt sich gut in das Konzept der „seriösen Radikalität“ ein, welches der neue Bundesvorsitzende der NPD Holger Apfel beim letzten Parteitag ausgerufen hat. Und auch in Hamburg ist man vorbereitet: Der Landesverband hat schon im September 2010 einen
Verein namens Pro Hamburg e.V. ausschließlich mit NPD-Mitgliedern
gegründet.
NPD-Tarnverein Pro Hamburg
Der Verein, nicht zu verwechseln mit den Pro-Parteien aus Berlin und
NRW, wurde im Bramfelder Wohnhaus von Jan-Steffen Holthusen gegründet und hat hier auch seinen Sitz. Holthusen selbst fungiert als Kassenwart. Vorsitzender ist der Arbeiter Jan Zimmermann, er
kandidiert seit Jahren bei Wahlen für die NPD und war bis Mai 2011 im Landesvorstand der Partei. Stellvertretender Vorsitzender ist der
Student Raphael Niemann, ein junger Nachwuchskader, der ursprünglich von der CDU-Jugendorganisation Jungen Union kam und ebenfalls bis Mai 2011 im Landesvorstand der Hamburger NPD saß. Er hatte wegen Steinwürfen auf ausländische Restaurants, sowie wegen eines gewalttätigen Angriffes auf politische Gegner schon Kontakt mit der Justiz.
Sehr innigen Kontakt mit der Justiz hatte Pro-Hamburg-Mitglied Willi
Wegner. Er ist mehrfach vorbestraft u.a. wegen Propaganda-Delikten, Raubes von Maschinenpistolen, und Beteiligung an einem Mord. Seine über 25-jährige Nazikarriere begann Wegner bei einer Wehrsportgruppe, war dann für verschiedene, inzwischen verbotene, Organisationen tätig und ist aktuell Beisitzer im Hamburger NPD-Landesvorstand. Auch andere Vereinsmitglieder von Pro Hamburg, wie Herrmann Lehmann, Dirk Schermer oder Andrea Schwarz, sind aktive NPD-Mitglieder und saßen oder sitzen
im Landesvorstand der Partei. Pro-Hamburg-Mitglied Torben Klebe,
ehemaliges Mitglied der verbotenen Kameradschaft Hamburger Sturm und des ebenfalls verbotenen Musik-Netzwerkes blood & honour, ist gar Landesvorsitzender der Partei. Sein Bruder Kay-Ole, ebenfalls bei Pro-Hamburg, gründete Ende 2007 die Hamburger Ortgruppe der Jungen Nationaldemokraten, Jugendorganisation der NPD.
Ziel des neuen Nazi-Vereins ist laut Satzung die „Stärkung des
kommunalpolitischen Engagements und Interesses der Bürgerinnen und Bürger der Hansestadt Hamburg. Der Verein ‚Pro Hamburg’ beteiligt sich überparteilich an der Lösung von kommunal- und landespolitischen Aufgabenstellungen.“ Was hier so harmlos klingt, ist die eine Seite der Medaille. Andererseits planen die gleichen Personen zusammen mit militanten Kameradschaftern einen überregionalen Naziaufmarsch „gegen Überfremdung“ am 2. Juni durch Hamburgs Innenstadt.
Was tun gegen Naziunterwanderung und Tarnorganisationen?
Pro Hamburg ist kein Einzelbeispiel, in Berlin gibt es einen neueren
Verein namens Pro Berlin-Lichtenberg e.V. der ebenfalls aus
NPD-Mitgliedern besteht. Dass es weitere ähnliche NPD-Tarnvereine im Bundesgebiet gibt, ist anzunehmen. Diese Vereine sollen nicht nur die kommunalpolitische Arbeit der NPD stärken, sondern können auch ganz konkret zur Anmietung von Räumen, Infoständen, Aufmärschen etc. dienen. Für Außenstehende ist es schwierig, solche Unterwanderung und Täuschungen zu erkennen, denn wer erwartet schon hinter einem harmlosen Namen vorbestrafte Neonazis?
Von den Behörden ist, zumindest in Hamburg, keine Hilfe zu erwarten.
Die Innenbehörde oder der Geheimdienst haben seit der Gründung von Pro Hamburg vor eineinhalb Jahren nicht die Öffentlichkeit informiert.
Hingegen ist es seit Jahren gängige Praxis eine schützende Hand über die NPD und Neonazis zu halten, wenn diese mittels Strohmännern bei Kneipen, Restaurants, Kleingartenvereinen etc. Räume anmieten. Ob Landesparteitage, Veranstaltungen mit prominenten Nazi-Rednern oder Nazi-Konzerte, alle konnten in der Vergangenheit ungestört in Hamburg stattfinden, obwohl der Verfassungsschutz Erkenntnisse hatte. Die ahnungslosen VermieterInnen dachten jeweils in ihren Räumen würden
Geburtstagfeiern, Sommerfeste oder sonstige kulturelle und private
Veranstaltungen stattfinden.
Die Bramfelder Stadtteilkonferenz handelte also vollkommen richtig,
wenn sie nicht nur NPD-Kader Holthusen, sondern auch für die Zukunft generell Mitglieder von Nazi-Organisationen ausschließt. Anderen Vereinigungen oder auch Gastronomen sind solche präventiven Maßnahmen in ihrer Satzung oder Mitverträgen zu empfehlen.
Felix Krebs
Symposium des Verfassungsschutzes in Berlin
Symposium des Verfassungsschutzes in Berlin: "Islamisten sind führend bei der Nutzung des Internets, Links und Rechts haben bis auf einige Hacks oder das Blockieren von Webseiten das Netz als Waffe bislang noch nicht entdeckt"
In Berlin fand gestern das 9.Symposium des Verfassungsschutzes statt, diesmal zum Thema "Extremismus im digitalen Zeitalter". Im Schatten der Zwickauer Terrorzelle wurde analysiert, gewarnt und immer wieder betont: Der Verfassungsschutz hatte Rechtsextremismus immer im Blick. Für die Zukunft im Kampf gegen rechten, linken und islamistischen Terrorismus fühlt sich die Behörde ausreichend gewappnet - aber die Arbeit in Zeiten von Facebook & Co. werde schwieriger.
Ein verregneter, grauer Januar-Morgen in Berlin-Pankow. Der Tagungssaal der Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAKS) füllt sich. An diesem Montag hat das Bundesamt für Verfassungsschutz zu seinem Symposium geladen. Die Veranstaltung mit dem Thema "Extremismus und Terrorismus im digitalen Zeitalter" sollte eigentlich schon im Dezember stattfinden. Doch Anfang November flog die Zwickauer Terrorzelle auf. Quasi über Nacht wurde klar, dass ein untergetauchtes Neonazi-Trio unentdeckt von Polizei und Geheimdiensten über 10 Jahre lang ungehindert mordete und raubte. Der Verfassungsschutz verschob angesichts dieser Entwicklung seine geplante Veranstaltung auf den gestrigen Montag.
"Nicht zur Tagesordnung übergehen", hieß es Ende 2011 in einer schriftlichen Erklärung an die geladene Gäste. "Nicht zur Tagesordnung übergehen. Das ist auch weiterhin gültig", sagt Rainer Fromm, der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), zu Beginn des Symposiums. Das Thema der Tagesveranstaltung wurde aktualisiert aber nicht geändert: Extremismen und ihre Nutzung des Internets.
Vorwürfe an Verfassungsschutz "absurd"
Zu Beginn bemühte man sich aber zunächst um Schadensbegrenzung und ging in die Defensive. Mit Hinblick auf die Zwickauer Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) war die Behörde in den vergangenen Wochen einer Vielzahl von Vorwürfen ausgesetzt. Vom Versagen der Verfassungsschützer war die Rede gewesen, vom Unsinn des V-Mann-Einsatzes, es kam auch der Vorwurf auf, der Verfassungsschutz sei "auf dem rechten Auge blind".
"Ich spreche im Namen aller Verfassungsschützer von Bund und Ländern: Das war und ist nicht der Fall", verteidigte Verfassungsschutz-Präsident Fromm in seine Behörde in der Begrüßungsrede energisch. "Das ist absurd. Ich finde es bemerkenswert, dass wir das ausdrücklich betonen müssen." An einer Debatte zu Versäumnissen wolle er sich zum aktuellen Zeitpunkt jedoch nicht beteiligen, so Fromm. Etwaige Ermittlungsfehler im Fall des mordenden Neonazi-Trios müsse der parlamentarische Untersuchungsausschuss klären. Die Weichen für effektivere Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rechtsterrorismus seien politisch bereits gestellt worden, u.a. mit der Schaffung einer die Behörden übergreifenden Datenbank zur Erfassung von Rechtsextremisten und dem im Dezember eröffneten Abwehrzentrum gegen Rechtsextremismus in Köln und Meckenheim.
Brutalität des Rechtsterrors überraschte Verfassungsschutz
Trotz der Nachwirkungen der Neonazi-Terrorzelle bemühte sich der Verfassungsschutz beim diesjährigen Symposium "Extremismus im digitalen Zeitalter" um eine breite Abdeckung des gesamten Spektrums - Rechts- und Linksextremismus als auch Islamismus und deren jeweiligen Aktivitäten im virtuellen Raum wurden durch Experten-Vorträge beleuchtet.
Den Anfang machte Matthias Weber von der Verfassungsschutz-Abteilung "Rechtsextremismus". Der Neonazi-Experte ließ keinen Zweifel daran, dass die Verfassungsschützer im vergangenen Jahr von der Existenz und den Taten des NSU überrascht wurden. Man sei schockiert gewesen über "die unfassbare Kaltblütigkeit und Brutalität" der Rechtsterroristen.
Dabei seien Gewalt und Terrorismus im Zusammenhang mit Rechtsextremismus nicht wirklich überraschend. Die Liste der Beispiele rechtsmotivierten Terroranschlägen sei lang, so Weber, vom Attentat auf das Münchner Oktoberfest 1980 über den Bombenanschlag von Oklahoma 1995 bis hin zur Bluttat des norwegischen Islam-Hassers Anders Breivik im Juli 2011.
Dass das Zwickauer Terror-Trio viel zu spät erkannt wurde, sei auch darin begründet, dass es unmittelbar nach den Taten nie Bekennerschreiben gab, so Weber. Die ideologische Motivation des NSU sei inzwischen - unter anderem durch den Fund dreier DVDs - zweifelsfrei erkennbar. In einer während des Vortrags abgespielten Video-Sequenz aus einer bislang unveröffentlichten NSU-Bekenner-DVD heißt es: "Ist nun klar, wie ernst uns der Erhalt der deutschen Nation ist?"
NPD als ideologischer Wegbereiter für militanten Rechtsextremismus
Bislang, so der Schluss des Verfassungsschutzes nach Auswertung auch von Interneteinträgen, reagiere die Neonazi-Szene in Deutschland mehrheitlich nicht positiv auf die Zwickauer Terrorzelle. Teilweise gäbe es unterschwellige Zustimmung zu den Mordtaten, würden die Neonazis Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos als "Märtyrer eines freien Deutschland" gefeiert und finde eine Verhöhnung der türkisch- und griechischstämmigen Opfer statt. Gängiger seien aber Verschwörungstheorien, die das Terror-Trio als Teil eines Geheimdienst-Komplotts einstufen.
Die NPD-Führung lehne die Taten des NSU zumindest offiziell strikt und verbal scharf ab. Aus Sicht des Verfassungsschutzes ist die Partei jedoch mindestens der ideologische Wegbereiter für gewalttätigen Rechtsextremismus. Durch die Betonung der "Erhaltung der Volksgemeinschaft" erzeuge die NPD auf einige Rechtsextremisten einen Handlungsdruck.
Die ideologische Mittlerrolle der NPD dürfe nicht unterschätzt werden, so Fachreferent Weber. "Die NPD blendet ideologische Gemeinsamkeiten mit dem NSU aus", betont Weber, "die NSU-Mitglieder waren keine vollkommenen Außenseiter. Sie hatten teils über Jahre Kontakt zu hochrangigen Vertretern der NPD."
Überraschend sei mit Blick auf aktuelle Entwicklungen im Rechtsextremismus vor allem eines: Trotz der Internetmöglichkeiten und neuer Aktionsphänomene wie spontaner Fackelmärsche sei auf ideologischer Ebene keine Innovation zu erkennen. Bei der Neonazi-Ideologie bleibe "vieles beim Alten", so der Experte Weber. Die Gedankenwelt, geprägt von Rassismus, Staatsfeindlichkeit, Anti-Kapitalismus und Anti-Amerikanismus, sei wenig anpassungsfähig.
Linksradikale Szene frustriert
Im Bereich Linksextremismus beobachten die Verfassungsschützer eine "Phase der enttäuschten Hoffnungen" der militanten Szene. Die knapp 6.800 militanten Autonomen der Bundesrepublik hätten resigniert feststellen müssen, dass aktuelle politische und gesellschaftliche Ereignisse nicht zu gewünschten Entwicklungen führen.
"Proteste gegen Banken, Occupy Wallstreet, der Arabische Frühling - nichts führt zum Aufstand weiter Teile der Bevölkerung, nicht einmal zum Aufstand bei den Autonomen selbst", so der Linksextremismus-Referent Stefan Meyer über die Stimmung in der autonomen Szene.
Linksextremisten seien bemüht feste Strukturen zu etablieren, was allerdings nur mühsam gelinge. Die Szene erweise sich als eher traditionsbewusst und wenig transformationsbereit. Zu beobachten sei, dass es vermehrt zu einem ideologischen Rückgang komme, einzig die Gewalt sei Bindemittel der Szene. Weiterhin hätten die linksradikalen Extremisten das alte Selbstbild vom schwarzen Straßenkämpfer, so Meyer. Dabei ist nicht einmal klar, ob jeder vermummte Steinewerfer auch ein Revolutionär sei: "Die Proteste zum 1.Mai in Berlin oder das Schanzenfest in Hamburg zeigen: immer öfter wird der Protest von Jugendlichen ohne ideologischen Hintergrund getragen."
Autonome nutzen Internet nur sehr begrenzt
Allgemeinhin, so Meyer, gelten Linksextremisten und Autonome als weitaus internet- und medienkompetent. Doch der Eindruck täusche. Es sei auffällig, so Meyer, dass die autonome Szene - anders als Islamisten - offensichtlich nicht in der Lage ist, das enorme Potential des Internets für sich zu nutzen.
In ihren Propaganda-Videos seien die Linksextremisten längst nicht auf dem neuesten Stand. Webforen, Blogs und selbst Facebook würden von den Autonomen primär zur Kommunikation untereinander genutzt, erst danach - wenn überhaupt - zur ideologischen Schulung. "Die digitale Welt hätte mehr zu bieten", resümiert der Experte.
Islamisten träumen vom "Cyber-Dschihad"
Von einer Relativierung linker Gewalt könne angesichts der gescheiterten Bombenanschläge auf das Bahnnetz in Berlin im vergangenen Jahr dennoch nicht die Rede sein, betont Stefan Meyer. Ob er ausschließen könne, dass es nicht längst schon so etwas wie eine "Linke Terrorzelle" nach Vorbild der Zwickauer Neonazi-Terroristen gebe, so eine Frage aus dem Publikum. "Sicher kann man sich nicht sein. Wir tun gut daran, von vornherein nichts auszuschließen", so Meyers Antwort, "Vieles scheint möglich."
Die größte Gefahr sieht der Verfassungsschutz trotz Diskussion um Rechtsradikalismus und neuen Linksterror weiterhin im islamistischen Terrorismus. Hier beobachten die Nachrichtendienste eine Reihe neuer, besorgniserregender Trends. Die islamistische Szene diskutiere vor allem im Internet intensiv, wie beispielsweise durch Hacker-Angriffe ein "Cyber-Dschihad" geführt werden könne. Bislang seien diese Ideen noch nicht erfolgreich umgesetzt worden. Die Entwicklung von Viren und Trojanern sei allerdings der dringliche Wunsch der militanten Islamisten, heißt es vom Verfassungsschutz.
Besorgniserregend sei die zunehmende Bedeutung von sozialen Netzwerken in der Islamisten-Szene. Facebook und YouTube hätten sich zu wichtigen Plattformen für die Verbreitung von Propaganda entwickelt und seien Katalysatoren für Radikalisierungsprozesse. Einzelpersonen würden durch Facebook sehr leicht Zugang zu islamistischer Propaganda erhalten und könnten sich dort über Chatrooms mit Gleichgesinnten austauschen.
Islamistische Propaganda habe in den vergangenen Jahren erschreckend an Qualität gewonnen, analysiert der Verfassungsschutz. Insbesondere die Übersetzung von Terror-Videos, Ideologie und Bombenbauanleitungen in westliche Sprachen seien besorgniserregend. Arabisch als Sprache dschihadistischer Propaganda nehme in Deutschland ab, die Bedeutung der deutschsprachigen Propaganda nehme zu - teilweise gezielt auf Konvertiten gerichtet.
Angst vor "einsamen Wölfen"
Im Internet sei die Gewaltideologie Dschihadismus als ein Baukastensystem global für jedermann jederzeit zugänglich, so der Vize-Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Dr. Alexander Eisvogel. "Es war ein solcher Konsument digitalisierter Propaganda, der im März 2011 am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten erschoss", erklärte Alexander Eisvogel und sprach damit den Fall des damals 21-jährigen Deutsch-Kosovaren Arid Uka an, der sich über Facebook und YouTube-Videos blitzschnell radikalisiert hatte. Sein Attentat gilt als erster erfolgreich umgesetzter islamistischer Terroranschlag in Deutschland.
Islamisten seien - wenn auch teilweise, weil reale Netzwerkstrukturen geschwächt sind - führend bei der Nutzung des Internets für ihre Zwecke. "Links und Rechts haben bis auf einige Hacks oder das Blockieren von Webseiten das Netz als Waffe bislang noch nicht entdeckt", so das Resümee von Eisvogel am Ende des Symposiums. Die Veranstaltung, so betont er in seiner Schlussrede, sei auch "ein prognostischer Blick auf Entwicklungen". Eine Neuauflage der RAF werde es höchstwahrscheinlich nicht geben in naher Zukunft, nicht ausgeschlossen werden könne jedoch, dass sich Personen aus der rechtsextremen Szene von der Zwickauer Terrorzelle des NSU inspiriert fühlen.
Es bestehe die Gefahr, dass die unterschiedlichen Extremismen in Zukunft gestärkt durch das Internet wesentlich loser agieren, Individuen zu Terror animieren und so die Propaganda der Tat zunimmt.
Sicherheitsbehörden müssten daher umso stärker daran arbeiten, den Zeitpunkt frühzeitig zu erkennen, an dem sich eine Person radikalisiert und anschließend die richtigen Schlussfolgerungen ziehen. "Die nachrichtendienstliche Analyse muss ganzheitlich geschehen", so Eisvogel im Sinne der Existenz- und Budgetsicherung des Verfassungsschutzes, "die digitale und Echt-Welt können nicht mehr getrennt gesehen werden."
Quelle: heise.de
Antikriegsambulanz für Desertörsdenkmal
Im Frühjahr 2011 fand sich unter dem Dach der Willi-Bredel-Gesellschaft spontan eine 9-köpfige Schauspielgruppe zusammen, um das neue Stück "Kriegsgericht" zur Aufführung zu bringen. Die Gruppe, die sich den Namen "Antikriegsambulanz" gab, will gemeinsam mit dem "Bündnis für ein Hamburger Deserteursdenkmal" auf einen krassen Gegensatz in Hamburg
aufmerksam machen: Während das berüchtigte 76er Kriegerdenkmal am Stephansplatz, eingeweiht drei Jahre vor Beginn des 2. Weltkrieges, noch immer eine faschistische Dominante in Hamburgs Innenstadt darstelle, gebe es für die Hundert Desertöre und "Wehrkraftzersetzer", die von den Wehrmachtsgerichten im 2. Weltkrieg zum Tode verurteilt und auf dem Truppenschießplatz Höltigbaum in Hamburg- Rahlstedt hingerichtet worden sind, noch immer keinen würdigen Gedenkort. So erlebte das Schauspiel seine Erstaufführung am Jahrestag der Befreiung vom Faschismus am 8. Mai 2011 beim "Friedensfest am Kriegsklotz" in Hamburgs Innenstadt.
Do. 15. März 2012, 19.30h Deserteursdenkmal am Kriegsklotz? Aufführung des Kurzstücks "Kriegsgericht". Danach Podiumsdiskussion mit Vertretern der Bezirksfraktionen von HH-Mitte, mit einem Historiker der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Vorsitzenden des Kulturausschusses Norbert Hackbusch zur Frage, wo in Hamburg ein würdiger Erinnerungsort für die Opfer der NS-Wehrmachtsgerichte eingerichtet werden könnte. Veranstalter sind das Bündnis für ein Hamburger Deserteursdenkmal und Kölibri.
Ort: Kölibri, Hein-Köllisch-Platz 11/12, 20359 Hamburg, Eintritt 3 €
Link: http://www.niqel.de/deserteur/index.htm
Ein Jahr arabischer Frühling
Iman Bugaighis war die Sprecherin des Nationalen Übergangsrats in Libyen. Jetzt erinnert sie sich an die Revolution vor einem Jahr. Und hofft auf Demokratie Wer hat hier den Hut auf? Beim Sturz Gaddafis kämpften viele Frauen mit. Am Mittag des 17. Februar 2011 protestierte eine Gruppe von etwa hundert Männern und Frauen vor dem Gerichtsgebäude in Bengasi, das zum Symbol dafür geworden war, wie wenig Gerechtigkeit in Libyen herrschte. Es waren Anwälte, Akademiker, Geschäftsleute und Ärzte. In den ersten Tagen forderten wir Frauen die Männer auf, sich uns anzuschließen. Sie hatten erst nur zögerlich zugeschaut, langsam folgten uns immer mehr. Später erzählten viele, dass sie sich für ihre Angst schämten, während wir Frauen an vorderster Front standen. Als westliche Medienvertreter die befreite Rebellenhochburg Bengasi betraten, erwarteten sie stumme, passive Frauen. Die Überraschung war groß, als sie auf gut ausgebildete, vor Energie strotzende Frauen trafen. Während der Revolution waren sie an der Front präsent. Sie versorgten die Verwundeten, bereiteten Mahlzeiten für die Kämpfer und arbeiteten mit den Medien. Das schuf neue Realitäten. Frauen gewannen an Vertrauen - auch in ihre Fähigkeit, beim Aufbau eines demokratischen Libyens wichtige Beiträge zu leisten. Zudem begannen solche Männer, die es ablehnten, dass ihre weiblichen Familienangehörigen spät arbeiteten oder an Protesten teilnahmen, die Wichtigkeit der Präsenz von Frauen zu begreifen. Sie begannen, diese Aktivitäten zu unterstützen. Allerdings spiegelte sich der Wandel nicht in der Repräsentation von Frauen im Nationalen Übergangsrat und den Lokalräten wider. Der Anteil von Frauen im Rat beträgt vier Prozent. In den Lokalräten gibt es keine Frau. Vor der Revolution waren Frauen in Libyen nie so marginalisiert wie in anderen konservativen Ländern. Die Gehälter für Männer und Frauen waren gleich. Die Anzahl von Mädchen und Frauen an Schulen und Universitäten war höher als die von Jungen und Männern. Das Dekanat des Zahnmedizininstituts, an dem ich arbeite, ist mit einer Frau besetzt. Vierzig Prozent von Lehrpersonal und Führungskräften sind weiblich. Das gibt Hoffnung für Frauen in Libyen. Dennoch: Frauen sind keinesfalls sozial gleichgestellt, besonders nicht in ländlichen Gebieten. Jetzt machen sich die Komitees weiblicher Aktivisten die Risiken bewusst, die eine Marginalisierung von Frauen im Entscheidungsfindungsprozess birgt. Frauen organisieren sich. Sie nehmen an Führungsworkshops teil, bilden sich politisch und reisen, um die Wahlen in den entstehenden Demokratien in Tunesien und Ägypten zu beobachten. Frauen müssen sicherstellen, dass die neue Verfassung Frauenrechte gewährt. Parlamentswahlen finden in Libyen im Juni 2012 statt - eine große Herausforderung für ein Land, das nie einen demokratischen Wahlprozess erlebt hat. Frauen, die sich einbringen wollen, werden von den zivilgesellschaftlichen Organisationen ausgewählt, um sie auszubilden und Frauen in anstehenden Wahlen zu repräsentieren. Auch die Forderung nach einer Frauenquote wurde erhoben. Wir sind realistisch - und optimistisch. Iman Bugaighis war bis zu Muammar al-Gaddafis Sturz Sprecherin des Nationalen Übergangsrats. Wovon andere Frauen aus dem Jemen, Libyen und Syrien ein Jahr nach dem Umsturz in Tunesien träumen, lesen Sie in der aktuellen sonntaz. Mit acht Sonderseiten zur arabischen Revolution der Frauen. Am Kiosk, eKiosk – oder gleich im Wochenendabo. Und für Fans und Freunde: facebook.com/sonntaz"Frauen standen an vorderster Front"

Noch hunderte NS-Täter frei
Knapp 70 Jahre nach dem Holocaust könnten noch Hunderte NS-Verbrecher zur Rechenschaft gezogen werden. Nach Recherchen des Simon-Wiesenthal-Zentrums (Jerusalem) seien allein von April 2010 bis März 2011 weltweit mindestens 584 Ermittlungsverfahren eingeleitet worden. Weitere 1300 Fälle seien seitdem hinzugekommen, sagte der "Nazi-Jäger" Efraim Zuroff gestern in Berlin. Selbst wenn nur eine kleine Zahl von ihnen verurteilt würde, wäre das ein großer Erfolg.
Mit der "Operation Last Chance II" will das Wiesenthal-Zentrum nun die Suche nach Mitgliedern der sogenannten Einsatzgruppen sowie des Wach- und Dienstpersonals der Vernichtungslager verschärfen. Für Hinweise, die zur Verurteilung von Tätern führen, hat das Zentrum eine Belohnung von 25 000 Euro ausgesetzt. "Die Zeit läuft uns davon", sagte Zuroff. Das hohe Alter der Täter sollte kein Grund sein, die Strafverfolgung einzustellen. "Das macht ihre Schuld nicht geringer."
Auf der Liste der meistgesuchten NS-Verbrecher stehen neben Alois Brunner, dem Vertrauten des Holocaust-Organisators Adolf Eichmann, und dem KZ-Arzt Aribert Heim zehn weitere Namen. Dazu gehört unter anderem Klaas Carl Faber, der in den Niederlanden für den Tod von Gefangenen im Lager Westerbork und dem Gefängnis von Groningen 1944 zum Tode verurteilt wurde. Seit seiner Flucht aus dem Gefängnis im Jahr 1952 lebt er in Deutschland.(dpa)
Die Mauer muss her!
Ulrich Eigenfeld sitzt für die NPD im Oldenburger Stadtrat, für Antifas eine Provokation. Also mauerte eine Gruppe kurzerhand Eigenfelds Haustür zu - um ihn zumindest symbolisch auszuschließen.
Für ein politisches Statement braucht es manchmal nur ein paar Steine und ein Blatt Papier. Mit den Steinen, Modell Ytong, mauerten Antifa-Aktivisten in Oldenburg in der Nacht zum 19.12.2011 die Tür eines Mehrfamilienhauses zu. Darin wohnt der NDP-Politiker Ulrich Eigenfeld. Mit einem Zettel, drapiert auf der Mauer, erklärten die Linken ihre Aktion: „Hausarrest für Nazis!".
Eigenfeld ist seit 1969 in der NPD. Der 64-Jährige tritt als vermeintlich seriöser Vertreter eines bürgerlich angehauchten Nationalismus auf. Im September 2011 wurde er in den Stadtrat Oldenburgs gewählt, auf seine Partei entfielen rund 1,1 Prozent der Stimmen. Eigenfeld ist der einzige Vertreter seiner Partei in dem Gremium. Bei der ersten Ratssitzung nach der Wahl demonstrierten 200 Personen gegen den NPD-Mann und seine Partei.
Auf der Homepage der rechtsextremen Partei wird Eigenfeld als „lebende Parteigeschichte" bezeichnet. 1986 wurde er nach Angaben des „Netz gegen Nazis" wegen einer Kandidatur für die NPD als Bundesbeamter bei der Bahn entlassen. Er klagte dagegen - und scheiterte. Seither arbeitet er bei der und für die Partei. An diesem Montag stand er bei der Stadtratssitzung auf der Rednerliste.
Braunes Gedankengut einsperren
Solch einen braunen Stadtrat - den ersten in Oldenburg seit den sechziger Jahren - wollte sich die Antifa in der Stadt nicht gefallen lassen und griff zum Baumaterial. In einer von den Aktivisten verschickten Pressemitteilung heißt es: „Unsere Mauer steht dafür, dass wir uns Nazis wie Eigenfeld entschlossen in den Weg stellen müssen. Die Grenze ist für uns bereits überschritten, wenn sie mit ihrem menschenverachtenden Gedankengut ihre Wohnung verlassen, ganz zu schweigen davon, an einer Stadtratssitzung teilzunehmen!"
Und wohl nicht ganz ernst gemeint wird dort eine „bekennende Mauerbauerin" namens Olga Benario zitiert: „Wir meinen: Mauern einreißen! Bei Nazis machen wir da aber eine Ausnahme." Die echte Olga Benario war Kommunistin und wurde von den Nazis ermordet.
Nun ermittelt die Polizei wegen des Verdachts der Nötigung - ein anderer Bewohner des Gebäudes hatte die Beamten gerufen, weil er am frühen Montagmorgen nicht aus dem Haus kam. Der Bewohner verständigte Eigenfeld.
Wenige Minuten später war die Barriere nach Angaben der Polizei beseitigt: „Der Mörtel war noch nicht getrocknet, man konnte die Steine ohne Probleme runternehmen", sagt Polizeisprecher Markus Scharf. Hinweise zu der Mauer-Aktion seien bisher nicht eingegangen, wenn man von der Antifa-Mitteilung absehe.
„Erscheinen symbolisch verhindern"
„Mir war sofort klar, dass das auf mich gerichtet war", sagt Eigenfeld. Ein Polizist habe ihm das Blatt gezeigt. Der NPD-Mann, nach eigenen Angaben Eigentümer des Hauses, will Strafanzeige stellen - wegen Sachbeschädigung, eventuell auch wegen versuchter Freiheitsberaubung.
Die Antifas hatten offenbar gehofft, dass symbolische Qualität der Aktion größer sein würde als die bauliche`: „Die Mauer soll sein Erscheinen bei dieser Sitzung zumindest symbolisch verhindern", heißt es in der Mitteilung weiter.
Tatsächlich erschien Eigenfeld bei der Ratssitzung am Montag. Das Online-Portal „Oldenburger Lokalteil" beschrieb die Szene: „NPD-Mann Eigenfeld tritt ans Rednerpult. Tumulte auf den Rängen; die komplette SPD-Fraktion sowie die Hälfte der Grünen- und Linken-Fraktionen verlassen demonstrativ den Saal. 'Nazis raus!'-Rufe; Eigenfeld steht unter Beschuss von Papierknäueln am Pult und grinst." Der Saal musste geräumt werden, die Sitzung wurde ohne Publikum fortgesetzt.
Eigenfelds Auftritt produzierte vor allem heiße Luft. Insofern waren die Steine durch die Antifa-Gruppe perfekt gewählt: Ytong wird zur Wärmedämmung eingesetzt.
Wulff und Guttenberg - Parallelen offenkundig
SPD zieht Parallele zwischen Wulff und Guttenberg

Die SPD verschärft die Angriffe auf Bundespräsident Christian Wulff im Umgang mit seinem umstrittenen Privatkredit. Wulffs Taktik erinnere an die Affäre um die abgeschriebene Doktorarbeit des CSU-Politikers Karl-Theodor zu Guttenbergs: „Er gibt immer nur das zu, was man ihm nachweisen kann“, sagte SPD-Innenexperte Sebastian Edathy im Deutschlandfunk am 21. Dezember 2011. „Erst wird dementiert, dann wird behauptet, es gebe Missverständnisse, dann wird eine Teilentschuldigung vorgenommen.“
Zuvor hatte Wulffs Anwalt Gernot Lehr in einer Stellungnahme bestätigt, dass der Unternehmer Egon Geerkens aufgrund seines besonderen Sachverstands und der freundschaftlichen Beziehungen zu Wulff in dessen Suche nach einem Haus eingebunden gewesen.
„In diesem Zusammenhang ging die Initiative für ein Privatdarlehen von Frau Edith Geerkens aus. Die Modalitäten wurden gemeinsam besprochen, das Darlehen von Frau Edith Geerkens gewährt“, schrieb Lehr.
Aus der Koalition kommen Rufe nach einem Ende der Debatte. Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) sagte, bei der Kritik an Wulff gehe es eher um Stilfragen.
Wulff hatte bislang nicht Stellung zu der Frage genommen, inwieweit Egon Geerkens in Verhandlungen involviert war. Dieser hatte aber im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ seine Beteiligung deutlich gemacht.
Als der damalige Bundespräsident Johannes Rau im Jahr 2000 in eine Flugaffäre der WestLB verstrickt war, habe Wulff ihn zum Rücktritt aufgefordert, sagte der bayerische SPD-Vorsitzende Florian Pronold der "Passauer Neue Presse". „Er muss sich auch fragen lassen, welche Maßstäbe er an sich selber anlegt“, sagte Pronold.
Nach dem Wirbel um einen 500 000-Euro-Kredit und Ferien bei vermögenden Freunden wurde jetzt bekannt, dass der Unternehmer Carsten Maschmeyer mitten im niedersächsischen Landtagswahlkampf 2007/2008 eine Anzeigen-Kampagne für ein Wulff-Buch bezahlt hat. Dieser soll aber von den Zahlungen nichts gewusst haben.
Am 20.12. befasste sich der Ältestenrat des Landtags in Hannover mit den Vorwürfen gegen Wulff - und brach die Sitzung nach kurzer Zeit im Streit ab. Bei der Staatsanwaltschaft Hannover gingen inzwischen vier Anzeigen gegen den früheren Ministerpräsidenten ein. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bleibt bei ihrer Unterstützung für das Staatsoberhaupt.
In dem Interview-Buch mit dem Titel „Besser die Wahrheit“ beschreibt der heutige Bundespräsident sein privates und politisches Leben. Ein Sprecher Maschmeyers bestätigte einen Bericht der „Bild“-Zeitung, wonach der Finanzunternehmer rund 42 700 Euro für Zeitungsannoncen gezahlt hat, die im Herbst 2007 während des Landtagswahlkampfs für das Buch geschaltet wurden.
Maschmeyer sagte der „Bild“-Zeitung, er habe „die Anzeigen privat bezahlt“, sie jedoch nicht steuerlich geltend gemacht. Mit Wulff habe er darüber nicht gesprochen. Wulffs Rechtsanwalt Gernot Lehr sagte dem Blatt, seinem Mandanten sei von den Zahlungen Maschmeyers nichts bekannt gewesen. Der Hamburger Verlag Hoffmann und Campe bestätigte, dass Maschmeyer die Kampagne mitfinanziert hatte, Ex-Geschäftsführer Manfred Bissinger habe den Unternehmer persönlich darum gebeten.
Das Autorenhonorar für den Gesprächsband ging laut Verlag allein an den Autor Hugo Müller-Vogg, der damalige Ministerpräsident habe kein Honorar erhalten. Müller-Vogg selbst hält die von Maschmeyer bezahlten Anzeigen für problematisch. „Ich kann nicht ausschließen, dass ein Verstoß gegen die Vorschriften zur Parteienfinanzierung vorliegt“, sagte der Publizist dem „Mannheimer Morgen“ (Mittwoch).
Wulff habe zwar keinen finanziellen Vorteil von dem Buch gehabt - „doch er profitierte selbstverständlich vom medialen Echo“.
Am Sonntag ließ der Bundespräsident auch eine Liste von Urlauben veröffentlichen. Demnach verbrachte er als Regierungschef zwischen 2003 und 2010 insgesamt sechs Urlaube bei Freunden in Spanien, Italien, Florida und auf Norderney.
Der Kölner Kardinal Joachim Meisner legte Wulff am Dienstagabend indirekt den Rücktritt nahe. Im WDR-Fernsehen sagte Meisner, wenn er selbst in einer vergleichbaren Lage wäre, „dann müsste ich meinen Hirtenstab abgeben, dann müsste ich resignieren“. An Wulffs Stelle würde er nun erklären: „Ich bin ein armer Sünder, habe versagt.“ Meisner fügte jedoch hinzu, er könne nicht beurteilen, ob die Vorwürfe zuträfen.
Diese beschäftigen nun auch die Justiz. „Die Staatsanwaltschaft hat vier Anzeigen vorliegen, die überprüft werden“, sagte der Sprecher der Behörde in Hannover, Jürgen Lendeckel, der Nachrichtenagentur dpa. In den Anzeigen geht es den „Stuttgarter Nachrichten“ zufolge vermutlich um den Vorwurf der Vorteilsannahme.
Die Staatsanwaltschaft muss jede Anzeige prüfen, die bei ihr eingeht.
Ein Großteil der Deutschen ist einer Umfrage zufolge trotz der Vorwürfe gegen einen Rücktritt des Bundespräsidenten. Nach dem am Montag erhobenen ARD-Deutschlandtrend plädieren 70 Prozent dafür, dass Wulff weiter im Amt bleiben soll. Nach einer Emnid-Umfrage für SAT.1 sind sogar 72 Prozent gegen einen Rücktritt.
Regierungssprecher Steffen Seibert bekräftigte, Wulff genieße weiter Merkels „vollstes Vertrauen“. Die Kanzlerin und Wulff stünden „in sehr regelmäßigem und intensivem Kontakt zu einer Vielzahl von Fragen“. Auch für neu auftauchende Fragen gelte, dass sie an den Bundespräsidenten zu richten seien. „Sie werden von ihm persönlich aufgeklärt.“ Die Grünen-Fraktionschefin Renate Künast forderte von Wulff Aufklärung. Der lasse zu, dass das Bundespräsidialamt quasi umgeben sei von einem Amigo-System, dem „System Hannover“, sagte Künast. „Er muss das System Hannover aufklären, sagen, was war, und sich entschuldigen.“ Die Finanzierung von Zeitungsanzeigen rieche nach einer trickreichen Umgehung des Parteispendenrechts. Ab 10 000 Euro müssten Spender genannt werden.
Wer jetzt sagt, es werde versucht, vom Rechtsterrorismus abzulenken, hat unserer Meinung nach recht. (Quellen: dpa/dapd)


