merkel mit staatssmännischem GEStus

Nach Meinung von Angela Merkel (CDU) hat die Polizei rund um den G-20-Gipfel »exzellente Arbeit« geleistet. Das erklärte die Bundeskanzlerin am Samstag nachmittag auf der abschließenden Pressekonferenz des Treffens. Sie verurteilte die »entfesselte Gewalt«, die den Beamten von seiten einiger Protestierender entgegengeschlagen sei, und betonte, dass sie die friedlichen Proteste zu schätzen wisse. Diese seien ihr »ein Ansporn« gewesen, im Rahmen des Gipfels Ergebnisse zu erreichen.


10.7.17 10:36, kommentieren

Stärkere Strahlkraft

Über Rassismus und Ressentiments in der Polizeiarbeit am Beispiel der Mord- und Anschlagsserie des NSU

Von Markus Mohr
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Die Polizei wollte es nicht kapieren: Demonstration in Kassel am 6.4.2017 in Erinnerung an Halit Yozgat, der am 6.4.2006 das neunte Mordopfer der NSU wurde

Heute abend wird im Schauspiel Köln das »Tribunal ›NSU-Komplex auflösen‹« eröffnet, bei dem Ini­tiativen und Einzelpersonen, die mit den Betroffenen der Mord- und Anschlagsserie solidarisch verbunden sind, zu Wort kommen sollen. Sie sollen den »strukturellen Rassismus«, so die Veranstalter, des »NSU-Komplexes« verdeutlichen. Hierbei ist es lohnenswert, die Widersprüche im Polizeiapparat zu untersuchen, wie es der Politologe und Aktivist Markus Mohr getan hat. (jW)

Morgen um 20 Uhr findet beim »NSU-Tribunal« im Schauspiel Köln der Themenabend »Tatort Kassel und seine institutionellen Verflechtungen« statt. Ein Teil dieses Textes wird dort verwendet werden.

Für die Polizei war 2006 ein Schlüsseljahr bei der Auf- bzw. Nichtaufklärung der neun NSU-Morde. Von 2000 bis 2006 hatte es neun Morde an Migranten gegeben. Nach dem achten Mord an Mehmet Kubasik am 4. April und dem neunten Mord an Halit Yozgat am 6. April führten mehrere Spuren zu den Neonazis. Bis dahin hatte die Polizei ohne konkretes Ermittlungsergebnis die These verfolgt, die Mordserie sei der organisierten Kriminalität zuzurechnen, was auch so öffentlich kommuniziert wurde.

So konnte man im Juni 2005 in der Welt lesen, dass als Mörder eine aus den »Bergen Anatoliens heraus operierende Bande« vermutet wurde. Es wurde behauptet, die Opfer hätten sterben müssen, »weil sie als Drogen-Transporteure für die Bande Geschäfte auf eigene Faust machten oder sich den Geschäften verweigerten«. Das war reine Spekulation auf rassistischer Grundlage, doch für die Welt waren es »erste Spuren«.

Doch dann entschloss sich der Polizeikommissar des bayrischen LKA, Alexander Horn, im Mai 2006 zu einer Kehrtwende, nachdem er beide Morde im April untersucht hatte. Er verfasste eine neue Operative Fallanalyse (OFA), von der Auszüge im NSU-Bundestagsuntersuchungsausschuss zur Sprache kamen. Horn führt den Umstand, dass viele Zeugen aus der türkischen Community aus der Sicht der Polizei wenig verwertbare Aussagen machen, nicht auf »Mentalitäten« oder »Parallelwelten«, sondern einfach darauf zurück, dass sie schlicht nichts wissen. Statt dessen kam er zum Ergebnis, dass die Morde keinen kriminellen Hintergrund erkennen lassen. Die Opfer seien nicht »gezielt«, sondern »stellvertretend« für eine Gruppe angegriffen worden. Horn entwickelte die Hypothese, dass der oder die Täter wahrscheinlich der deutschen rechten Szene entstammten. Als Horn diese Analyse der Sonderkommission der Polizei vortrug, sagte er: »Wenn es zwei Täter sind, wofür ja sehr vieles spricht, verbindet sie eine starke Dynamik. Sie inszenieren ihre Taten wie ein Abenteuer, wie eine militärische Kommandoaktion eben. Sie sind entweder Brüder – oder Brüder im Geiste«, berichtet Joachim Käppner in seinem Buch »Profiler. Auf der Spur von Serientätern und Terroristen« (München 2013).

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Mit dieser neuen Interpretation der Mordserie stieß Horn im Polizeiapparat alles andere als auf Begeisterung. Von Vertretern des BKA, der Hamburger Kripo und anderen wurde sofort eine weitere OFA eingefordert, um eine, wie es der Hamburger Kriminaloberrat Felix Schwarz formulierte, »Einengung der Ermittlungen« zu verhindern. Nach Käppner, der mit Alexander Horn für zwei Bücher eng zusammengearbeitet hat, wurde »die Münchener Hypothese vom Ausländerfeind von einer Mehrheit des Fahndungsapparates ignoriert, abgewimmelt oder offen bekämpft«.

Horn selbst sollte sich zehn Jahre später in seinem Buch »Die Logik der Tat. Ein Profiler auf der Spur von Mördern und Serientätern« (München 2016) vorsichtig, wenn auch nicht frei von Bitterkeit zu diesen Debatten in der Polizei äußern: »Das waren jene Tage, an denen ich weniger gerne ins Büro ging. Ich musste erleben, wie meine Vorgehensweise und meine Qualifikation – ja sogar meine Eignung – als Fallanalytiker in Frage gestellt wurden.«.

Ende Januar 2007 wurde Horns OFA von einem Gutachten des LKA Baden-Württemberg, abgeräumt. Die von Kriminalhauptkommissar Udo Haßmann verfasste OFA kehrte einfach wieder zur jahrelang ohne Ergebnis verfolgten These der organisierten Kriminalität zurück: »Aus hiesiger Sicht ist ein Einzeltäter bzw. ein Täterduo auszuschließen, die ohne konkreten Bezug zu den Opfern diese erschießen, bloß weil diese von der Täterseite einem bestimmten, z. B. ethnischen Kollektiv zugeordnet werden.« Dabei wurden alle bereits verwendeten Markierungen aus der Geschichte der Mordserie seit 2000 geltend gemacht, mit denen die Opfer stigmatisiert wurden: »Geldprobleme, Empfänglichkeit für risikobehaftete und gegebenenfalls illegale Tätigkeiten, u.a. Glücksspiel«, des weiteren »undurchsichtige Lebensführung« und kriminelle Aktivitäten aller Art. Es sei wahrscheinlich, dass die Täter »im Ausland aufwuchsen oder immer noch dort leben«, denn »vor dem Hintergrund, dass die Tötung von Menschen in unserem Kulturkreis mit einem hohen Tabu belegt ist, ist abzuleiten, dass der Täter hinsichtlich seines Verhaltenssystems weit außerhalb des hiesigen Normen- und Wertesystems verortet ist«.

Noch drei Jahre nach der Selbstenttarnung des NSU 2011 meinte der damalige baden-württembergische Innenminister Reinhold Gall (SPD) im Innenausschuss des Landtags, man habe davon abgesehen, bei den Tätern ein rechtsradikales Motiv zu vermuten, »weil andere Punkte der Fallanalyse für uns einfach eine stärkere Strahlkraft hatten«.

Wenn Horn in »Die Logik der Tat« konstatiert, das polizeiliche Versagen sei »nicht aus einer bösen Absicht heraus, sondern aufgrund eines Mangels an Phantasie« geschehen, geht er fehl. Daran mangelte es bestimmt nicht. In Nürnberg, wo 2000, 2001 und 2005 drei Morde begangen wurden, ließen Ermittler einen V-Mann ein halbes Jahr lang eine Döner-Bude betreiben, während ihre Kollegen in Hamburg, wo 2001 ein Mord geschah, eine Hellseherin aus dem Iran einflogen, um sich Anregungen für ihre Arbeit zu holen. Rassismus und Ressentiments setzen solche Phantasien in Gang.

Quelle: jw, 17.05.2017

21.5.17 08:05, kommentieren

Trump-Gate

Dass mit Donald Trump eine narzisstische Unberechenbarkeit ins Weiße Haus einziehen würde, war schon früh klar nach den Erfahrungen des Wahlkampfs und der Übergangszeit. Das aber schon am Ende des vierten Monats ein Sonderermittler eingesetzt und das Wort „Trump-Gate“ die Runde machen würde, kommt doch überraschend.

Die Russland-Connection läßt den Präsidenten einfach nicht los. Jedes Detail lässt die Affäre immer größer und bizarrer erscheinen. Am Ende könnte eine Staatskrise stehen. In Sachen Größe ist der Präsident zweifellos Fachmann: Er sieht sich als Opfer der größten Hexenjagd in der amerikanischen Geschichte. Ob Trump Opfer oder Kollaborateur ist, wird sich noch zeigen.

Der frühere und nicht leicht einzuschüchternde FBI-Chef Mueller muss jetzt herausfinden, ob es geheime Absprachen mit Moskau gegeben hat. Pikanterweise muss Mueller herausfinden, ob es Fühlungnahmen gab. Der stellvertretende Justizminister hat ihn ernannt. Mit seinem Gutachten wurde vergangene Woche zunächst die Entlassung von FBI-Direktor Comey begründet. Daneben werden Senat und Repräsentantenhaus ihre Untersuchungen intensivieren. Schon vor Monaten waren sich die usa-Dienste einig, dass es russische Einmischungsversuche gegeben hat. Sollte es direkt politische und kommerzielle Absprachen gegeben haben, würde der Kessel explodieren und Amtsenthebung nicht nur geraunt. Schon jetzt werden die Märkte nervös.

Flynn steht im Dienst fremder Mächte. Er ist Trumps erster Sicherheitsberater. Seine Chuzpe, Dreistigkeit und Ignoranz kann man nur bestaunen. Dasselbe betrifft auch die Schlüsselakteure. Verwunderlich? Trump ist ein Antipolitiker, der nach seinen Worten den „Saustall“ ausmistet. Über das politische Chaos in Washington kann Putin nur lachen. Man ahnt warum: es lenkt die Weltöffentlichkeit ab von den eigenen Problemen. Doch die Beschädigung demokratischer Institutionen und die Trivialisierung und Banalisierung des Präsidentenamtes unter Trump folgen einer Dynamik, die uns noch lange beschäftigen wird.

Quelle: FAZ vom 19. Mai 2017

20.5.17 12:02, kommentieren

Bücher gesucht

Bis zu 100.000 einst oder aktuell verbotene Bücher sollen ab 10. Juni 2017 im Rahmen einer Installation auf der Dokumenta in Kassel präsentiert werden. Die Argentinierin Marta Minuín will sie an ein Gerüst hängen, das die Athener Akropolis nachbildet. Bisher wurden 42.000 Bücher von Spendern und Verlagen zur Verfügung gestellt. Für die 14 noch nicht verkleideten Säulen seien mindestens 10.000 weitere nötig, teilten die Veranstalter am Dienstag 16.05. mit. Ausstellungsort ist der Friedrichsplatz, auf dem die Nazis 1933 Bücher verbrannten.

Quellen: dpa, junge welt.

20.5.17 11:55, kommentieren

Es soll die Gewalt gegeben werden dem gemeinen Volk

Von Bernd Langer
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Es existiert keine zeitgenössische Abbildung von Thomas Müntzer. Ein erstes Porträt aus dem Jahr 1608 diffamiert Müntzer als hässlichen Ketzer. Bis heute bestimmt diese Verunglimpfung das Bild des Revolutionärs. Dem will diese ­Graphik von Bernd Langer entgegenwirken

Alle reden im »Reformationsjahr« von Martin Luther, wir nicht: Heute abend findet in der Berliner Kultur- und Schankwirtschaft BAIZ der Vortrags- und Diskussionsabend »Am Anfang war der Widerstand – Thomas Müntzer 2017 – fünfhundert Jahre Reformation und Bauernkrieg« statt. Es spricht der Künstler und Historiker Bernd Langer. Lesen Sie hier, was Sie heute erwartet.

Gebannt, ihre Waffen umklammernd, blickten 8.000 Männer gen Himmel. Eine kreisrunde Lichterscheinung umstrahlte in den Farben des Regenbogens die Sonne! Diese mystische Offenbarung konnte nur ein Zeichen Gottes sein, dachten sie. Sie würden siegen! Obwohl die Stadt Frankenhausen seit dem Vormittag des 15. Mai 1525 eingeschlossen war und damit auch ihre Wagenburg. Eine Allianz aus sieben Fürsten hielt mit mehreren tausend Landsknechten, vielen Berittenen und einer großen Anzahl von Geschützen die Höhen ringsum besetzt.

Dagegen konnten die Aufständischen nur neun leichte Karrenbüchsen einsetzen. Auch fehlte es an Pulver. Ein Schweizer, der durchs Land reiste und Geschäfte machte, hatte versprochen, für 900 Gulden Nachschub zu besorgen – um mit dem Geld auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Zudem hatte die anrückende Streitmacht der Fürsten einige Aufständische schwankend gemacht.

Doch dann war Thomas Müntzer am 11. Mai eingetroffen. Einst Gefolgsmann, nun Gegner Martin Luthers, radikal und bedingungslos in seinem Streben, den Gottesstaat auf Erden zu schaffen, denn er interpretierte die Bibel revolutionär: »Es steht geschrieben, dass die Gewalt soll gegeben werden dem gemeinen Volk ...«. Müntzer predigte als Erster auf Deutsch statt Latein und seiner Gemeinde zugewandt, lehnte Titel ab und bezeichnete sich schlicht als »ein Knecht Gottes«.

Er handelte im Bewusstsein überirdischer Sendung, gläubig und Wunder erwartend. Genauso wie die Schar von 300 Bewaffneten aus Mühlhausen, die ihren Propheten begleitet hatten. Müntzer brachte außerdem acht Karrenbüchsen und die Regenbogenfahne mit, Symbol des Bündnisses zwischen Gott und den Menschen. Er war das Kraftzentrum, wortgewaltig und auch ohne klar definiertes Amt die unbestrittene Autorität des Aufstands. Bedenken, Skrupel oder Kompromisse kannte Müntzer bei der Erfüllung seiner Mission nicht. Gleich nach seiner Ankunft ließ er ein Exempel statuieren und vier Gefangene, Gefolgsleute des Grafen von Mansfeld, öffentlich hinrichten.

Zum militärischen Führer des Frankenhäuser Haufens war der ortsansässige Bonaventura Kürschner gewählt worden. Kürschner ließ auf dem Hausberg, vor den Toren der Stadt, eine Wagenburg auffahren und sämtliche Geschütze dorthin schaffen. Man hoffte, so Kampfhandlungen von der Stadt fernhalten zu können.

Vor dem Angriff des Fürstenheeres kam es zu einer letzten Kontaktaufnahme. Ein Waffenstillstand, begrenzt auf drei Stunden, wurde ausgehandelt, und die Aufständischen diskutierten im Kreis stehend in der Wagenburg. Die Fürsten verlangten die Auslieferung Müntzers und anderer Anführer und die völlige Unterwerfung. In einem zähen Ringen konnte Müntzer seine kompromisslose Haltung durchsetzen. Zwei Männer, die für seine Auslieferung gestimmt hatten, wurden sogleich hingerichtet. Da erschien der Lichtbogen um die Sonne. Müntzer begann zu predigen: »Lasst euch nicht erschrecken das schwache Fleisch und greift die Feinde kühnlich an. Ihr dürft das Geschütz nicht fürchten, denn ihr sollt sehen, dass ich alle Kugeln in den Ärmel fassen will, die sie gegen uns schießen. Ja, ihr seht, dass Gott auf unserer Seite ist, denn er gibt uns jetzt ein Zeichen, seht ihr nicht den Regenbogen am Himmel? ... « Alle Kämpfer kamen zusammen, sanken auf die Knie, falteten die Hände und begannen zu singen – im Vertrauen auf den Waffenstillstand mit den Fürsten.

Deren Hauptleute waren nicht untätig geblieben und hatten, während sich die Verhandlung im Ring hinzog, ihre Einheiten dicht an die Wagenburg herangeführt. Die Situation war günstig, denn die Aufständischen hatten ihre Beobachtungsposten für die Predigt abgezogen. In aller Ruhe konnten die Büchsenmeister ihre Geschütze auf die inbrünstig Singenden und Betenden einrichten. Mit einem Schlag krepierten Kartätschen in der Menge und schmetterten Geschosse eine Lücke in die Wagenburg. Hunderte wurden mit einem Schlag niedergemetzelt. Überall zerhauene Leichen, schreiende Verwundete, Chaos. Da stürmten Landsknechte in dicht gestaffelten Formationen los, und der Boden zitterte unter den Pferden gepanzerter Reiter. Donnernde Hufe, Kriegsgeschrei – urplötzlich brandeten die Söldner der Fürsten gegen die Wagenburg. Sofort brach Panik aus, alle wurden mitgerissen, warfen ihre Waffen weg und rannten kopflos den Hang hinab in Richtung Stadt. Ohne Gnade schlachteten die Kriegsknechte sie ab.

Nur von der Schar der 300, die mit Müntzer gekommen waren, konnten sich einige zur Wehr setzen. Durch ihre Waffen fielen sechs Reiter aus dem Fürstenheer. Dagegen wurden mehr als 5.000 Aufständische erschlagen, und in Frankenhausen ging das Morden weiter. 600 Bauern wurden gefangen, von denen am folgenden Tag 300 enthauptet wurden. Auch Müntzer geriet in die Hände der fürstlichen Häscher, wurde tagelang in der Wasserburg Heldrungen gefoltert. Dann kam am 27. Mai 1525 das Ende. Mit seinem Mitstreiter Heinrich Pfeifer wurde Müntzer bei Mühlhausen enthauptet, und ihre Köpfe wurden auf Spießen vor der Stadt ausgestellt.

Das Gemetzel von Frankenhausen entschied den Aufstand in Mitteldeutschland, unmittelbar zuvor, am 12. Mai, war bei Böblingen der Württembergische Haufen unterlegen. Das gleiche Schicksal erlitt am 17. Mai im Westen des Reiches, bei Zabern, der Elsässische Haufen. Nachfolgende Kämpfe bildeten lediglich blutige Schlussakkorde.

Luther stellte sich mit seinem Pamphlet »Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern« auf die Seite der Fürsten und bemühte sich insbesondere, das Andenken an Müntzer aus der Geschichte zu tilgen. Als Ketzer verteufelt, blieb er jahrhundertelang weitgehend unbekannt. Erst durch marxistische Interpretationen, erst von Friedrich Engels, dann von Ernst Bloch, erlangte er wieder Aktualität.

Heute lässt man den Revolutionär samt Bauernkrieg weitgehend links liegen. Während Martin Luther in den Mittelpunkt gerückt wird, findet ein Diskurs über die radikalen Strömungen, die den gesellschaftlichen Umbruch im 16. Jahrhundert markierten, nicht statt. Luther dagegen wird gefeiert, obwohl er seine Kirche im Einvernehmen mit den Fürsten gründete, Antisemit war und Hexen brennen sehen wollte. Die Nazis fanden ihn gut.

 

18.5.17 12:28, kommentieren

Wanna Cry Virus: nordkoreanisches Hackerkollektiv im Fokus

Experten suchen fieberhaft nach den Schöpfern von Wanna Cry – digitale Schlüssel weisen jetzt auf mit Nordkorea verbundene Hacker als mutmaßliche Verdächtige hin. Die Infos.

Nach der globalen Cyber-Attacke hat die europäische Polizeibehörde Europol vorsichtig Entwarnung gegeben. Es habe in Europa offenbar keine neuen infizierten Computer gegeben, sagte ein Sprecher am Montag in Den Haag. Auch die Bundesregierung erklärte, dass sich die Befürchtungen einer zweiten Angriffswelle bislang nicht bestätigt habe. Der Angriff sei im Wesentlichen gestoppt, sagte ein Sprecher des Innenministeriums. Regierungsnetze sind nach wie vor nicht betroffen. Weiterhin unklar ist aber, wer hinter dem weltweiten Angriff steht. Die Ermittlungen liefen auf Hochtouren. In Deutschland ist das Bundeskriminalamt mit der Aufklärung beschäftigt.
Zum Download: Erpresser-Viren-Stopper 2017 von COMPUTER BILD

Wanna Cry: Spur führt nach Nordkorea

Geheimdienste und Sicherheitsexperten schließen nicht aus, dass Nordkorea verantwortlich für die jüngste globale Cyber-Attacke ist. Die „New York Times“ berichtet jetzt unter Berufung auf Experten, neue digitale Schlüssel wiesen auf mit Nordkorea verbundene Hacker als mutmaßliche Verdächtige hin. Die Wissenschaftler warnten allerdings, diese Indizien seien weit entfernt davon, beweiskräftig zu sein. Es könne Wochen oder Monate dauern, bis die Ermittler bei ihren Ergebnissen sicher genug seien, um offiziell Pjöngjangs wachsende Truppe digitaler Hacker dafür verantwortlich zu machen.

Wanna Cry: Microsoft übt scharfe Kritik

Von der Wanna-Cry-Attacke sind ausschließlich Windows-Systeme betroffen – allerdings nur solche, bei denen die aktuellen Sicherheitspatches nicht installiert wurden. In einer Stellungnahme gab Microsoft den Regierungen eine Mitschuld an dem Ransomware-Angriff. Der, so der Software-Gigant, sei ein weiteres Beispiel dafür, warum das Lagern von Schadprogrammen durch Regierungen ein solches Problem sei, schrieb Microsoft-Präsident Brad Smith in einem Blog. Der Angriff sollte ein Weckruf sein. Zur Erklärung: Wanna Cry nutzte eine Sicherheitslücke, die ursprünglich vom US-Abhördienst NSA entdeckt worden war, aber vor einigen Monaten von Hackern öffentlich gemacht wurde. Die Schwachstelle wurde zwar bereits im März grundsätzlich von Microsoft geschlossen – aber geschützt waren nur Computer, auf denen das Update installiert wurde.

Cyber-Attacke: Microsoft veröffentlicht Sonder-Patch für alte Windows-Versionen

Die Attacke betrifft alle Windows-Systeme, die nicht mehr auf dem neuesten Stand sind. Deshalb wird dringend empfohlen, alle Sicherheits-Patches zu installieren. Microsoft selber veröffentlichte sogar ein Sicherheits-Update für das komplett veraltete Windows XP, für das der Support eigentlich schon seit 2014 eingstellt ist, sowie für Windows Vista und andere alte Windows-Versionen. Den Sonder-Patch gibt es auf dieser Webseite.

Wanna Cry: Deutsche Bahn betroffen, BKA ermittelt

Nach der Cyber-Attacke hat das Bundeskriminalamt BKA die Ermittlungen übernommen. Das teilte das Bundesinnenministerium am Samstag mit. Zugleich hieß es, die deutschen Regierungsnetze seien von dem Angriff nicht betroffen gewesen. Der Angriff füge sich aber in einer „sehr angespannte Cyber-Bedrohungslage“, vor der die Behörden immer wieder gewarnt hätten. „Zudem sprechen die jetzigen Erkenntnisse dafür, dass wer unserem Rat folgt, regelmäßige Software-Updates durchzuführen, eine gute Wahrscheinlichkeit hatte, dem Angriff zu entgehen“, betonte das Innenministerium. Das ist durchaus als Kritik an der Deutschen Bahn zu verstehen. Dort kam es zu Systemausfällen, unter anderem bei den Anzeigetafeln sowie bei der Bahnhofts-Videoüberwachung.

Zum Download: Erpresser-Viren-Stopper 2017 von COMPUTER BILD

Wanna Cry: Attacke durch Zufall vorerst gestoppt

In der Nacht zum Samstag wurde die Angriffswelle gestoppt, weil ein IT-Sicherheitsforscher auf eine Art „Notausschalter“ in der Schadsoftware stieß. Die Angreifer scheinen diese „Notbremse“ in ihr Programm eingebaut zu haben. Der Betreiber des Blogs „MalwareTech“ fand nach eigenen Angaben einen Web-Domainnamen im Computercode der Schadsoftware und registrierte ihn. Das reichte aus, um die Ausbreitung zu stoppen. Damit ist die Gefahr aber keineswegs gebannt: Zugleich warnten Experten, dass die Angreifer mit einer modifizierten Version ihrer Software zurückkommen könnten. Deshalb müsse man die Ruhe jetzt dringend nutzen, um den Schutz der Computer auf den neuesten Stand zu bringen.

Wanna Cry nutzte längst gefixte Sicherheitslücke in Windows

Die Computer wurden von einer sogenannter Ransomware namens „Wanna Cry“ befallen, die sie verschlüsselt und Lösegeld verlangt. Dabei wurde eine Sicherheitslücke ausgenutzt, die ursprünglich vom US-Abhördienst NSA entdeckt worden war, aber vor einigen Monaten von Hackern öffentlich gemacht wurde. Die Schwachstelle wurde zwar bereits im März grundsätzlich von Microsoft geschlossen – aber geschützt waren nur Computer, auf denen das Update installiert wurde.

Ransomware-Attacke © @zeichentaten/Twitter

Die WannaCry-Ransomware befällt auch Rechner der Deutschen Bahn; der Bahnverkehr sei aber nicht betroffen.

Ransomware-Attacke: Weltweite Probleme

In Großbritannien waren Krankenhäuser lahmgelegt, wie der staatliche Gesundheitsdienst NHS mitteilte. Insgesamt gehe es um 16 NHS-Einrichtungen. Computer seien zum Teil vorsorglich heruntergefahren worden, um Schäden zu vermeiden. Patienten wurden gebeten, nur in dringenden Fällen in Notaufnahmen zu kommen, berichtete die britische Nachrichtenagentur PA. Zum Teil mussten Patienten in andere Krankenhäuser umgeleitet werden. In Spanien war der Telekom-Konzern Telefónica betroffen, in den USA der Versanddienst FedEx.

Sicherheits-Newsletter © Maksim Kabakou - Fotolia.com

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Ransomware: So schützen Sie sich

Erpressersoftware landet zumeist durch Spam oder Malware auf dem Computer. Sie schützen sich vor derartigen Bedrohungen, indem Sie eine Sicherheitssuite einsetzen und diese durch Updates ständig auf dem aktuellen Stand halten. Öffnen Sie darüber hinaus keine Mails von unbekannten Absendern beziehungsweise löschen Sie Mails mit dubiosen Dateianhängen sofort. Tools, die vor Verschlüsselung des eigenen PCs schützen, finden Sie in der obigen Fotostrecke. Oder sie laden sich am besten gleich den Erpresser-Viren-Stopper 2017 von COMPUTER BILD herunter.

Quelle: Computer-Bild

Mögliche Abhilfe hier:

https://www.borncity.com/blog/2017/05/13/wannacrypt-updates-fr-windows-xp-server-2003-co/ 

16.5.17 11:39, kommentieren

Vor 80 Jahren wurde in Fort Knox das Golddepot der USA fertiggestellt. Über die Rolle des Edelmetall

Von Klaus Müller

Hinter dicken Mauern aus Beton, Stahl und Granit liegen 4.600 Tonnen pures Gold. In Fort Knox, Teil eines Militärstützpunktes im Norden Kentuckys, lagern die USA das Gros ihres Währungsmetalls, geschützt durch modernste Überwachungselektronik und, wie man munkelt, Minenfelder, automatische Maschinengewehre und Laserkanonen. In der Nähe 10.000 Soldaten und 300 Panzer. Die 60 Zentimeter dicke Tür zum Tresorraum wiegt 20 Tonnen. Mehrere Personen müssen unabhängig voneinander Zahlen eingeben, damit sie sich öffnet. Keiner kennt den kompletten Code.

Präsident Franklin D. Roosevelt zog in den 1930er Jahren das Gold seiner Bürger ein, ließ es in Barren gießen und in den Hochsicherheitsbau bringen, der am 13. Mai 1937 fertiggestellt wurde. Warum schürfen Menschen mit riesigem Aufwand Gold, um es, unerreichbar für andere, sogleich wieder zu verstecken? Das in Fort Knox deponierte Gold dient nicht dazu, Schmuck zu fertigen, Metalle und Kunststoff zu beschichten, Zahnlücken zu füllen oder auf Leiterplatten Chips und integrierte Schaltkreise zu verbinden. Es gehört zur Währungsreserve.

Aus der Zirkulation gedrängt

Für Marx ist Geld eine besondere Ware. In ihr drücken alle anderen Waren ihren Wert aus. Gold ist dafür geeignet, weil es selbst Wert besitzt. Das Maß muss von der Art des zu Messenden sein. Eine Axt ist 0,5 Gramm Gold wert, wenn man zu ihrer Herstellung die Zeit braucht, die auch nötig ist, um 0,5 Gramm Gold zu gewinnen. Waren und Gold sind vergleichbar, weil sie auf etwas Drittes bezogen werden können, auf die Zeit für ihre Herstellung. Gold ist für die Geldrolle prädestiniert wie keine andere Ware: Man kann es teilen, zusammenfügen, leicht transportieren. Schon kleinste Mengen haben großen Wert. Gleiche Mengen des Metalls, wie groß auch immer, besitzen jeweils die gleiche Wertgröße. Widerstandsfähig gegen Umwelteinflüsse, kann man es beliebig lange aufbewahren. Zunächst nutzten die Menschen das Gold in Form von Nuggets, Körnern, Stangen, Ringen. Seit dem 6. Jahrhundert v. u. Z. prägten sie Münzen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts besaßen alle wichtigen Industrie- und Handelsländer die Goldwährung. Goldmünzen waren die Hauptform des Geldes. Doch nur wenige waren im Umlauf. Sie wurden vertreten vor allem durch Banknoten, die jederzeit zum Nennwert gegen Gold eingelöst werden konnten. John Fullarton, ein von Marx geschätzter Geldtheoretiker, berichtet, dass bereits Mitte des 19. Jahrhunderts in England neun Zehntel aller Geschäfte bargeldlos abgewickelt wurden. Dass schlechtes Geld das gute aus der Zirkulation in den Schatz treibt, war seit langem bekannt. Thomas Gresham, im 16. Jahrhundert Finanzberater der britischen Krone, wusste das ebenso wie Kopernikus und weit früher noch der griechische Komödiendichter Aristophanes. Just in dem Moment, da das Gold als Geld in die Zirkulation eintrat, begann seine Verdrängung aus ihr. Wertlose Ersatzgeldzeichen an seiner Statt erhöhten die Sicherheit und Rationalität der Zahlungen.

In diesem System, das man Goldstandard nannte, bildeten die zentralen Goldvorräte die Hauptreserve der internationalen Zahlungsmittel. Die ungehinderte Ein- und Ausfuhr des Edelmetalls half, die Preise zu sichern, förderte den Handel, trug dazu bei, Ungleichgewichte zwischen den Ländern zu begrenzen und Wirtschaftsabläufe zu koordinieren. Als der Erste Weltkrieg begonnen wurde, stellten die Staaten die Zahlung in Gold ein. Banken tauschten Noten und Guthaben nicht mehr in Gold um. Die Verschuldung zur Finanzierung von Rüstung und Krieg war mit den strengen Regeln einer Goldwährung unvereinbar. Die Stunde des Goldstandards hatte geschlagen. Die Inflation konnte beginnen.

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges stellte sich die Frage nach der Zukunft des internationalen Finanzsystems neu. Das 1944 in Bretton Woods, dem US-amerikanischen Kurort nahe der kanadischen Grenze, errichtete Weltwährungssystem sah vor, die Wechselkurse der Länder an den Dollar zu binden. Die US-Währung sollte einlösbar sein in Gold. Das System fester Wechselkurse auf Goldbasis nannte man Gold-Dollar-Standard. Noch immer Geldware?Mitte der 1960er Jahre wurden die Leistungsbilanzdefizite der USA größer, die US-Goldreserven sanken dramatisch, Dollars überschwemmten die Welt. Der Preis von 35 US-Dollar für eine Feinunze Gold – 31,1 Gramm –, von Roosevelt 1934 am Frühstückstisch erdacht, war nicht zu halten. Engländer, Deutsche, vor allem die Franzosen forderten die USA auf, ihre Dollars in Gold zu wechseln. Der damalige US-Präsident Richard Nixon weigerte sich. Am 15. August 1971 hob er die in Bretton Woods eingegangene Verpflichtung auf, ausländischen Notenbanken ihre Dollars gegen Gold abzunehmen. Ökonomen weltweit deuteten den juristischen Akt als letzten Schlag gegen die Geldware Gold. Die Demonetisierung des Goldes, die begonnen hatte mit dem Tag, an dem Gold als Geld in die Zirkulation getreten war, schien besiegelt zu sein. Nur: Die einen wollten haben, was die anderen nicht mehr bereit waren, herzugeben. Spricht das gegen oder für die währungspolitische Bedeutung des Streitobjekts?

Ist Gold auch heute Geldware? Keiner zahlt mit Goldmünzen. Goldgedeckte Banknoten gibt es nirgendwo. Die Einlösbarkeit des Papiergeldes zu juristisch fixierten Kursen gegen Gold ist weltweit aufgehoben. Und doch horten Zentralbanken und der Internationale Währungsfonds in Fort Knox und anderen Lagerstätten keinen Tomatenketchup oder Bruno Bananis Unterwäsche. Sie halten Gold in nahezu unveränderten Mengen. 32.000 Tonnen sollen es sein, über 20 Prozent allen Goldes, das Menschen im Laufe ihrer Geschichte schürften. Die großen Reserven werden nicht dadurch zu einem funktionslosen Teil der Währungssysteme, dass einige Ökonomen dies beharrlich behaupten. Sie bieten Sicherheit in einer Zahlungswelt, die nahezu reibungslos funktioniert mit bunten Banknoten, wertlosen Münzen, mit Kreditscheinen und Buchgeld, das als Zahl auftaucht, oder mit Computergeld, den mit entsprechenden Informationen belegten Speicherplätzen moderner Rechenwerke. Gold ist das Medium, die sinnlose und auf Selbstzerstörung hinauslaufende Anhäufung von Forderungen zu überstehen, weil es selbst keine Forderung ist. Gold, scheinbar entbehrlich, ist das Geld für den Fall der Fälle. Es geht, wenn nichts mehr geht. Wie eine Katzenmama ihre Jungen, behüten die Zentralbanken das edle Metall. Das ist kein Beweis, dass es Geldware geblieben ist. Aber erst recht nicht, dass es keine mehr ist.

Quelle: junge welt, 13.05.2017

16.5.17 09:37, kommentieren