Vor 80 Jahren wurde in Fort Knox das Golddepot der USA fertiggestellt. Über die Rolle des Edelmetall

Von Klaus Müller

Hinter dicken Mauern aus Beton, Stahl und Granit liegen 4.600 Tonnen pures Gold. In Fort Knox, Teil eines Militärstützpunktes im Norden Kentuckys, lagern die USA das Gros ihres Währungsmetalls, geschützt durch modernste Überwachungselektronik und, wie man munkelt, Minenfelder, automatische Maschinengewehre und Laserkanonen. In der Nähe 10.000 Soldaten und 300 Panzer. Die 60 Zentimeter dicke Tür zum Tresorraum wiegt 20 Tonnen. Mehrere Personen müssen unabhängig voneinander Zahlen eingeben, damit sie sich öffnet. Keiner kennt den kompletten Code.

Präsident Franklin D. Roosevelt zog in den 1930er Jahren das Gold seiner Bürger ein, ließ es in Barren gießen und in den Hochsicherheitsbau bringen, der am 13. Mai 1937 fertiggestellt wurde. Warum schürfen Menschen mit riesigem Aufwand Gold, um es, unerreichbar für andere, sogleich wieder zu verstecken? Das in Fort Knox deponierte Gold dient nicht dazu, Schmuck zu fertigen, Metalle und Kunststoff zu beschichten, Zahnlücken zu füllen oder auf Leiterplatten Chips und integrierte Schaltkreise zu verbinden. Es gehört zur Währungsreserve.

Aus der Zirkulation gedrängt

Für Marx ist Geld eine besondere Ware. In ihr drücken alle anderen Waren ihren Wert aus. Gold ist dafür geeignet, weil es selbst Wert besitzt. Das Maß muss von der Art des zu Messenden sein. Eine Axt ist 0,5 Gramm Gold wert, wenn man zu ihrer Herstellung die Zeit braucht, die auch nötig ist, um 0,5 Gramm Gold zu gewinnen. Waren und Gold sind vergleichbar, weil sie auf etwas Drittes bezogen werden können, auf die Zeit für ihre Herstellung. Gold ist für die Geldrolle prädestiniert wie keine andere Ware: Man kann es teilen, zusammenfügen, leicht transportieren. Schon kleinste Mengen haben großen Wert. Gleiche Mengen des Metalls, wie groß auch immer, besitzen jeweils die gleiche Wertgröße. Widerstandsfähig gegen Umwelteinflüsse, kann man es beliebig lange aufbewahren. Zunächst nutzten die Menschen das Gold in Form von Nuggets, Körnern, Stangen, Ringen. Seit dem 6. Jahrhundert v. u. Z. prägten sie Münzen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts besaßen alle wichtigen Industrie- und Handelsländer die Goldwährung. Goldmünzen waren die Hauptform des Geldes. Doch nur wenige waren im Umlauf. Sie wurden vertreten vor allem durch Banknoten, die jederzeit zum Nennwert gegen Gold eingelöst werden konnten. John Fullarton, ein von Marx geschätzter Geldtheoretiker, berichtet, dass bereits Mitte des 19. Jahrhunderts in England neun Zehntel aller Geschäfte bargeldlos abgewickelt wurden. Dass schlechtes Geld das gute aus der Zirkulation in den Schatz treibt, war seit langem bekannt. Thomas Gresham, im 16. Jahrhundert Finanzberater der britischen Krone, wusste das ebenso wie Kopernikus und weit früher noch der griechische Komödiendichter Aristophanes. Just in dem Moment, da das Gold als Geld in die Zirkulation eintrat, begann seine Verdrängung aus ihr. Wertlose Ersatzgeldzeichen an seiner Statt erhöhten die Sicherheit und Rationalität der Zahlungen.

In diesem System, das man Goldstandard nannte, bildeten die zentralen Goldvorräte die Hauptreserve der internationalen Zahlungsmittel. Die ungehinderte Ein- und Ausfuhr des Edelmetalls half, die Preise zu sichern, förderte den Handel, trug dazu bei, Ungleichgewichte zwischen den Ländern zu begrenzen und Wirtschaftsabläufe zu koordinieren. Als der Erste Weltkrieg begonnen wurde, stellten die Staaten die Zahlung in Gold ein. Banken tauschten Noten und Guthaben nicht mehr in Gold um. Die Verschuldung zur Finanzierung von Rüstung und Krieg war mit den strengen Regeln einer Goldwährung unvereinbar. Die Stunde des Goldstandards hatte geschlagen. Die Inflation konnte beginnen.

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges stellte sich die Frage nach der Zukunft des internationalen Finanzsystems neu. Das 1944 in Bretton Woods, dem US-amerikanischen Kurort nahe der kanadischen Grenze, errichtete Weltwährungssystem sah vor, die Wechselkurse der Länder an den Dollar zu binden. Die US-Währung sollte einlösbar sein in Gold. Das System fester Wechselkurse auf Goldbasis nannte man Gold-Dollar-Standard. Noch immer Geldware?Mitte der 1960er Jahre wurden die Leistungsbilanzdefizite der USA größer, die US-Goldreserven sanken dramatisch, Dollars überschwemmten die Welt. Der Preis von 35 US-Dollar für eine Feinunze Gold – 31,1 Gramm –, von Roosevelt 1934 am Frühstückstisch erdacht, war nicht zu halten. Engländer, Deutsche, vor allem die Franzosen forderten die USA auf, ihre Dollars in Gold zu wechseln. Der damalige US-Präsident Richard Nixon weigerte sich. Am 15. August 1971 hob er die in Bretton Woods eingegangene Verpflichtung auf, ausländischen Notenbanken ihre Dollars gegen Gold abzunehmen. Ökonomen weltweit deuteten den juristischen Akt als letzten Schlag gegen die Geldware Gold. Die Demonetisierung des Goldes, die begonnen hatte mit dem Tag, an dem Gold als Geld in die Zirkulation getreten war, schien besiegelt zu sein. Nur: Die einen wollten haben, was die anderen nicht mehr bereit waren, herzugeben. Spricht das gegen oder für die währungspolitische Bedeutung des Streitobjekts?

Ist Gold auch heute Geldware? Keiner zahlt mit Goldmünzen. Goldgedeckte Banknoten gibt es nirgendwo. Die Einlösbarkeit des Papiergeldes zu juristisch fixierten Kursen gegen Gold ist weltweit aufgehoben. Und doch horten Zentralbanken und der Internationale Währungsfonds in Fort Knox und anderen Lagerstätten keinen Tomatenketchup oder Bruno Bananis Unterwäsche. Sie halten Gold in nahezu unveränderten Mengen. 32.000 Tonnen sollen es sein, über 20 Prozent allen Goldes, das Menschen im Laufe ihrer Geschichte schürften. Die großen Reserven werden nicht dadurch zu einem funktionslosen Teil der Währungssysteme, dass einige Ökonomen dies beharrlich behaupten. Sie bieten Sicherheit in einer Zahlungswelt, die nahezu reibungslos funktioniert mit bunten Banknoten, wertlosen Münzen, mit Kreditscheinen und Buchgeld, das als Zahl auftaucht, oder mit Computergeld, den mit entsprechenden Informationen belegten Speicherplätzen moderner Rechenwerke. Gold ist das Medium, die sinnlose und auf Selbstzerstörung hinauslaufende Anhäufung von Forderungen zu überstehen, weil es selbst keine Forderung ist. Gold, scheinbar entbehrlich, ist das Geld für den Fall der Fälle. Es geht, wenn nichts mehr geht. Wie eine Katzenmama ihre Jungen, behüten die Zentralbanken das edle Metall. Das ist kein Beweis, dass es Geldware geblieben ist. Aber erst recht nicht, dass es keine mehr ist.

Quelle: junge welt, 13.05.2017

16.5.17 09:37

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