Es soll die Gewalt gegeben werden dem gemeinen Volk

Von Bernd Langer
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Es existiert keine zeitgenössische Abbildung von Thomas Müntzer. Ein erstes Porträt aus dem Jahr 1608 diffamiert Müntzer als hässlichen Ketzer. Bis heute bestimmt diese Verunglimpfung das Bild des Revolutionärs. Dem will diese ­Graphik von Bernd Langer entgegenwirken

Alle reden im »Reformationsjahr« von Martin Luther, wir nicht: Heute abend findet in der Berliner Kultur- und Schankwirtschaft BAIZ der Vortrags- und Diskussionsabend »Am Anfang war der Widerstand – Thomas Müntzer 2017 – fünfhundert Jahre Reformation und Bauernkrieg« statt. Es spricht der Künstler und Historiker Bernd Langer. Lesen Sie hier, was Sie heute erwartet.

Gebannt, ihre Waffen umklammernd, blickten 8.000 Männer gen Himmel. Eine kreisrunde Lichterscheinung umstrahlte in den Farben des Regenbogens die Sonne! Diese mystische Offenbarung konnte nur ein Zeichen Gottes sein, dachten sie. Sie würden siegen! Obwohl die Stadt Frankenhausen seit dem Vormittag des 15. Mai 1525 eingeschlossen war und damit auch ihre Wagenburg. Eine Allianz aus sieben Fürsten hielt mit mehreren tausend Landsknechten, vielen Berittenen und einer großen Anzahl von Geschützen die Höhen ringsum besetzt.

Dagegen konnten die Aufständischen nur neun leichte Karrenbüchsen einsetzen. Auch fehlte es an Pulver. Ein Schweizer, der durchs Land reiste und Geschäfte machte, hatte versprochen, für 900 Gulden Nachschub zu besorgen – um mit dem Geld auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Zudem hatte die anrückende Streitmacht der Fürsten einige Aufständische schwankend gemacht.

Doch dann war Thomas Müntzer am 11. Mai eingetroffen. Einst Gefolgsmann, nun Gegner Martin Luthers, radikal und bedingungslos in seinem Streben, den Gottesstaat auf Erden zu schaffen, denn er interpretierte die Bibel revolutionär: »Es steht geschrieben, dass die Gewalt soll gegeben werden dem gemeinen Volk ...«. Müntzer predigte als Erster auf Deutsch statt Latein und seiner Gemeinde zugewandt, lehnte Titel ab und bezeichnete sich schlicht als »ein Knecht Gottes«.

Er handelte im Bewusstsein überirdischer Sendung, gläubig und Wunder erwartend. Genauso wie die Schar von 300 Bewaffneten aus Mühlhausen, die ihren Propheten begleitet hatten. Müntzer brachte außerdem acht Karrenbüchsen und die Regenbogenfahne mit, Symbol des Bündnisses zwischen Gott und den Menschen. Er war das Kraftzentrum, wortgewaltig und auch ohne klar definiertes Amt die unbestrittene Autorität des Aufstands. Bedenken, Skrupel oder Kompromisse kannte Müntzer bei der Erfüllung seiner Mission nicht. Gleich nach seiner Ankunft ließ er ein Exempel statuieren und vier Gefangene, Gefolgsleute des Grafen von Mansfeld, öffentlich hinrichten.

Zum militärischen Führer des Frankenhäuser Haufens war der ortsansässige Bonaventura Kürschner gewählt worden. Kürschner ließ auf dem Hausberg, vor den Toren der Stadt, eine Wagenburg auffahren und sämtliche Geschütze dorthin schaffen. Man hoffte, so Kampfhandlungen von der Stadt fernhalten zu können.

Vor dem Angriff des Fürstenheeres kam es zu einer letzten Kontaktaufnahme. Ein Waffenstillstand, begrenzt auf drei Stunden, wurde ausgehandelt, und die Aufständischen diskutierten im Kreis stehend in der Wagenburg. Die Fürsten verlangten die Auslieferung Müntzers und anderer Anführer und die völlige Unterwerfung. In einem zähen Ringen konnte Müntzer seine kompromisslose Haltung durchsetzen. Zwei Männer, die für seine Auslieferung gestimmt hatten, wurden sogleich hingerichtet. Da erschien der Lichtbogen um die Sonne. Müntzer begann zu predigen: »Lasst euch nicht erschrecken das schwache Fleisch und greift die Feinde kühnlich an. Ihr dürft das Geschütz nicht fürchten, denn ihr sollt sehen, dass ich alle Kugeln in den Ärmel fassen will, die sie gegen uns schießen. Ja, ihr seht, dass Gott auf unserer Seite ist, denn er gibt uns jetzt ein Zeichen, seht ihr nicht den Regenbogen am Himmel? ... « Alle Kämpfer kamen zusammen, sanken auf die Knie, falteten die Hände und begannen zu singen – im Vertrauen auf den Waffenstillstand mit den Fürsten.

Deren Hauptleute waren nicht untätig geblieben und hatten, während sich die Verhandlung im Ring hinzog, ihre Einheiten dicht an die Wagenburg herangeführt. Die Situation war günstig, denn die Aufständischen hatten ihre Beobachtungsposten für die Predigt abgezogen. In aller Ruhe konnten die Büchsenmeister ihre Geschütze auf die inbrünstig Singenden und Betenden einrichten. Mit einem Schlag krepierten Kartätschen in der Menge und schmetterten Geschosse eine Lücke in die Wagenburg. Hunderte wurden mit einem Schlag niedergemetzelt. Überall zerhauene Leichen, schreiende Verwundete, Chaos. Da stürmten Landsknechte in dicht gestaffelten Formationen los, und der Boden zitterte unter den Pferden gepanzerter Reiter. Donnernde Hufe, Kriegsgeschrei – urplötzlich brandeten die Söldner der Fürsten gegen die Wagenburg. Sofort brach Panik aus, alle wurden mitgerissen, warfen ihre Waffen weg und rannten kopflos den Hang hinab in Richtung Stadt. Ohne Gnade schlachteten die Kriegsknechte sie ab.

Nur von der Schar der 300, die mit Müntzer gekommen waren, konnten sich einige zur Wehr setzen. Durch ihre Waffen fielen sechs Reiter aus dem Fürstenheer. Dagegen wurden mehr als 5.000 Aufständische erschlagen, und in Frankenhausen ging das Morden weiter. 600 Bauern wurden gefangen, von denen am folgenden Tag 300 enthauptet wurden. Auch Müntzer geriet in die Hände der fürstlichen Häscher, wurde tagelang in der Wasserburg Heldrungen gefoltert. Dann kam am 27. Mai 1525 das Ende. Mit seinem Mitstreiter Heinrich Pfeifer wurde Müntzer bei Mühlhausen enthauptet, und ihre Köpfe wurden auf Spießen vor der Stadt ausgestellt.

Das Gemetzel von Frankenhausen entschied den Aufstand in Mitteldeutschland, unmittelbar zuvor, am 12. Mai, war bei Böblingen der Württembergische Haufen unterlegen. Das gleiche Schicksal erlitt am 17. Mai im Westen des Reiches, bei Zabern, der Elsässische Haufen. Nachfolgende Kämpfe bildeten lediglich blutige Schlussakkorde.

Luther stellte sich mit seinem Pamphlet »Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern« auf die Seite der Fürsten und bemühte sich insbesondere, das Andenken an Müntzer aus der Geschichte zu tilgen. Als Ketzer verteufelt, blieb er jahrhundertelang weitgehend unbekannt. Erst durch marxistische Interpretationen, erst von Friedrich Engels, dann von Ernst Bloch, erlangte er wieder Aktualität.

Heute lässt man den Revolutionär samt Bauernkrieg weitgehend links liegen. Während Martin Luther in den Mittelpunkt gerückt wird, findet ein Diskurs über die radikalen Strömungen, die den gesellschaftlichen Umbruch im 16. Jahrhundert markierten, nicht statt. Luther dagegen wird gefeiert, obwohl er seine Kirche im Einvernehmen mit den Fürsten gründete, Antisemit war und Hexen brennen sehen wollte. Die Nazis fanden ihn gut.

 

18.5.17 12:28

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