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Donnerstag, 25. Juli 2013

„Gepfuscht wird hier nicht“

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Von Katharina Ott

Rose-Marie Patzer-Weber ist Hamburgs Baiserkönigin

Sie prüft Menschen genau. Dem Fremden, der ihre Konditorei Weber in Hamburg betritt, schaut Rose-Marie Patzer-Weber direkt in die Augen. Mit kräftigem Händedruck begrüßt sie ihn. „Möchten Sie einen Kaffee?“ fragt Patzer-Weber. Der Mann nickt. Die Prüfung hat er vorerst bestanden.

Die gute Menschenkenntnis habe sie durchs Leben gebracht, erzählt die Konditorin. Sie ist 75 Jahre alt. Die modernen Zeiten gefallen ihr nicht. Sie setzt auf alte Werte wie Pünktlichkeit, Ehrgeiz und gute Manieren. „Viele Leute bringen das nicht mehr mit“, sagt Patzer-Weber. Sie selbst wäre ohne diese Eigenschaften nie so weit gekommen.

„Wir sind im Zweiten Weltkrieg nach Ostpreußen geflohen. Das waren schwere Zeiten“, erinnert sie sich. „Hunger und Durst mussten wir aber nie leiden.“ Das Mädchen war wissbegierig. Bücher gab es wenige, nur ein Lexikon. Das las sie wieder und wieder. „Ein Geschenk fürs Leben“, sagt Patzer-Weber. „Ich habe alles im Kopf gespeichert.“ In der Schweiz der 1950er-Jahre lernte und arbeitete sie als Konditorin. Ihre Meisterprüfung schloss sie in Hamburg als Einzige mit der Bestnote ab. „Ich habe heimlich geübt“, sagt sie. „Man muss immer alles richtig machen, sonst lässt man es lieber bleiben.“

Eigentlich wollte sie Tierärztin werden. In der damaligen Zeit für Mädchen undenkbar. Sie hat einige Schicksalsschläge eingesteckt. Das hat sie zäh gemacht. „Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen“, zitiert sie Goethe. Sie ist dankbar, dass sie die Tiefs überwunden hat. Und sie hat sich in die Arbeit gekniet. Patzer-Weber übernahm den Betrieb ihres Vaters und steuerte ihn durch schwere Zeiten. Einige Kollegen von damals sah sie scheitern. Ihr eigener kleiner Laden blieb auf Kurs. Sie hat nicht jede Mode mitgemacht: In der Backstube hält man vergebens nach Maschinen Ausschau. Der Ofen ist über 60 Jahre alt, die Anschlagmaschine bereits 75 Jahre. „Es macht einen Unterschied, ob ich die Baisermasse sorgfältig mit der Sterntülle auf das Blech dressiere, oder ob das von der Maschine übernommen wird“, sagt die Konditorin. Sie spricht Klartext

Die Theke mit den frischen Baisers ist bis heute das Herzstück ihres Ladens. Auf rund acht Metern Länge stehen Regale mit mehr als einhundert verschiedenen Baisers. Die einen enthalten Fruchtnuancen von Ananas über Kirsche bis Zitrone. Andere werden von Schildchen als Kümmel-, Paprika- oder Senf-Baisers ausgewiesen.

In der Backstube, die unter dem Verkaufsraum liegt, werkeln zwei Konditorinnen und ein Bäcker. Geredet wird kaum. Der Bäcker backt Kekse, während die Konditorinnen dabei sind, Baisers auf Bleche zu spritzen. Patzer-Weber läuft zwischen Backstube und Verkaufsraum hin und her. Sie gibt Anweisungen und nimmt Telefonate an. Als eine Frau von der Presse anruft, lehnt sie ab: „Erst diese Woche haben sie bei uns Großstadtrevier gedreht.“

Ihren Mitarbeitern gegenüber ist sie freundlich, aber bestimmt. „Gepfuscht wird hier nicht“, weist sie zurecht. Gelingt etwas nicht, schimpft sie nicht. Als ihrem Bäcker die Torte herunterfällt, ist sie still. „Der ärgert sich doch selbst schon genug.“ Hält sich aber jemand nicht an das Rezept oder verschwendet Lebensmittel, zeigt sie kein Verständnis. „Dafür hungern zu viele Kinder auf der Welt.“

Auch ihre fünf Angestellten hat Patzer-Weber im Vorstellungsgespräch unter die Lupe genommen. Halten sie Blickkontakt? Ist der Händedruck kräftig? Haben sie Manieren gelernt? „Es ist schwer geworden, gutes Personal zu finden“ sagt sie. Aus ihrem Schrank holt sie einen Stapel Bewerbungen. Lose Schreiben ohne Mappe. Sie hat die Bewerbungen nicht beantwortet. „Man muss sich schon Mühe geben“, sagt sie. „Lehrlinge stelle ich nicht mehr ein. Das ist heute eine andere Zeit.“ Den letzten setzte sie vor die Tür. Fünf Tage lang war der Mitarbeiter pünktlich, am sechsten kam er unbegründet zu spät. Einen siebten Tag gab es nicht. Ebenso haben Menschen, die Kinder und Tiere nicht mögen, bei ihr nichts verloren. Als ein Kind sie fragte, ob es ihre Backstube sehen könnte, war sie einverstanden. Der Bäcker schickte es weg: „Ich kann hier keine Kinder gebrauchen.“ Am Abend drückte sie dem Bäcker die Kündigung in die Hand. Sie selbst hat keine Kinder, aber einen Mops. Der Mops heißt König und thront in ihrem Büro. Er vermisst seinen Spielkameraden, den Boxer Tobi, der an Weihnachten gestorben ist. Ein Verlust für König und Konditorin. Bilder in der Hundeecke der Konditorei erinnern an Tobi. Für fremde Hunde gibt es hier einen Imbiss: Wasser und Leberwurstkekse. Die Kekse stellt sie selbst her. Das Rezept hat sie sich patentieren lassen. Ideen sammelt sie auf Reisen

Ihre Ideen sammelt sie auf Reisen. Sie ist herumgekommen in der Welt. „Reisen bildet. Wenn man jung ist, sollte man viel reisen.“ New York hat sie fasziniert. „Die Stadt hat eine besondere Stimmung.“ Heute bleibt sie lieber in Hamburg. „Für alles gibt es einen Lebensabschnitt. Heute habe ich keine Zeit mehr zu reisen.“ Sie könnte in Rente gehen. „Aber wieso soll ich etwas aufhören, das mir Spaß macht?“

Bislang gibt es keinen Nachfolger. Eines ist sicher: Er muss das Herz auf dem rechten Fleck haben. Wie sie selbst. Sie erzählt von dem Studentenpaar ohne Geld, das so gerne eine Hochzeitstorte wollte. Patzer-Weber schrieb eine Rechnung über Null Mark. Nach ein paar Jahren kam das Paar zurück mit einem riesigen Blumenstrauß und der Bitte, die Torte bezahlen zu dürfen. Es durfte eine Spende machen. Als ein Kunde zu Silvester ein Tablett mit Senf gefüllten Berlinern orderte, sogar 100 Euro pro Stück zahlen wollte, weigerte sie sich. „Die Berliner werden weggeschmissen.“ Sie backt nicht für den Müll.

Ihre Erinnerungen schreibt Rose-Marie Patzer-Weber bald in einem Buch auf. Die Geschichten sind im Kopf. Das Lexikon hat ihr Gedächtnis trainiert. anfang oktober 2017 ist diese kleine tapfere frau verstorben. Wir ehren ihr andenken.

28.11.17 19:29

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