Mit einem Killer auf Zeitreise zurück in die DDR
Ein Kommissar reist im Sat.1-Fantasy-Thrillers „Mörder kennen keine Grenzen" 25 Jahre in der Zeit zurück in die DDR. Dort trifft er auf einen Serienkiller, der seine Opfer in U-Bahn-Tunnel verschleppt. Die Ideen sind nicht ganz neu und das Szenario klingt durchgeknallt. Der Film überrascht trotzdem.

Durch mysteriöse Umstände landet der ermittelnde Hauptkommissar Maik Brunner in der DDR des Jahres 1984

Die DDR illegal zu verlassen, war lebensgefährlich. Wer die DDR offiziell betreten wollte, hatte – allein wegen der Grenzkontrollen – auch nicht unbedingt Spaß. Der Held des Sat.1-Fantasy-Thrillers „Mörder kennen keine Grenzen“ ist ein Sonderfall des Grenzübertritts. Er kommt gegen seinen Willen und ohne dass es jemand merkt. Er reist nicht ein in den Arbeiter-und-Bauern-Staat. Ihn verschlägt es hinein.

Es beginnt im gegenwärtigen Berlin: Hauptkommissar Brunner (Stephan Luca) jagt einen Serienkiller, der seine Opfer in U-Bahn-Tunnel verschleppt. Dort tötet er sie mit Rattengift aus alten DDR-Beständen. Es scheint da eine Verbindung in die Vergangenheit zu geben. Schließlich entführt er Brunners schwangere Freundin (Mina Tander). Der Kommissar verfolgt den Unhold in den Untergrund, wird dabei aber von einer U-Bahn erfasst.

Als Brunner wieder aufwacht, liegt er in einem Krankenhaus der Volkspolizei und wird mit „Genosse Hauptmann“ angeredet. Die Kollision hat ihn nicht nur gesundheitlich, sondern auch um Jahre zurückgeworfen – und das über die innerdeutsche Grenze. Brunner ist irgendwie im Ost-Berlin des Jahres 1984 gelandet. Auch hier arbeitet er als Kriminalpolizist. Sein aktueller Fall: ein Serienkiller, der seine Opfer in U-Bahn-Tunnel verschleppt. Siehe oben.

Es könnte derselbe Mörder wie 25 Jahre später sein. In der verqueren Logik von Zeitreisen heißt das: Würde Brunner schon den Täter 1984 fassen, dann könnte der 2009 Brunners Freundin nicht mehr entführen. Weil der Weltenwechsler mit dieser Mission nicht ausgelastet ist, bemüht er sich gleichzeitig, den Lauf der Geschichte auch für seinen Vater (Alexander Scheer) zu ändern: Der betätigt sich nämlich gerade als dissidentischer Bluesmusiker, und in 48 Stunden wird man ihn – wenn sein Sohn es nicht noch irgendwie verhindert – beim illegalen Verlassen des Landes erschießen.

Fast ein richtiger Psychopathen-Reißer
Es sind schon einige Filmpolizisten im Dienste der Verbrechensprävention in die Vergangenheit gereist, ob nun Denzel Washington als Anti-Terror-Fahnder in „Déjà vu“ oder John Simm als Detective Inspector in „Life on Mars“. Bei letztgenannter BBC-Serie bedient sich „Mörder kennen keine Grenzen“ recht ungeniert. Es gibt aber auch deutliche Parallelen zu einer Sat.1-Komödie von vor zwei Jahren: Zwar stieß die Protagonistin von „Küss mich, Genosse!“ vor ihrer Zeitreise in die DDR von 1974 nicht mit einem Triebwagen zusammen, sondern mit einem Fußball. Aber auch sie kämpfte darum, dass ihr Vater nicht bei einem Fluchtversuch an der Mauer ums Leben kommen sollte.

Die Ideen sind also nicht ganz neu, das Szenario klingt durchgeknallt, und trotzdem ist der Film von Ralf Kinder (Buch) und Jorgo Papavassiliou (Regie) eine höchst erfreuliche Überraschung im sonst eher bräsigen Sat1-Krimi-Genre. Er hat Humor und ist dabei doch fast so packend wie ein richtiger Psychopathen-Reißer. Die skurrile Ausgangslage gibt dabei fast automatisch Pointen her. Es hat Charme, wenn Brunner seiner späteren Freundin als kleinem Mädchen begegnet und wenn deren Mutter (noch mal Mina Tander) – seine spätere Quasi-Schwiegermutter – mit ihm eine Affäre anfangen will.

Die studentische Bundeskanzlerin wird via Wandfoto eingeblendet, ein lustiger früher Seitenblick auf Angela Merkel, aus "der noch etwas wird", wie der Kommissar lakonisch anmerkt.

Oder wenn Brunner gegenüber DDR-Bürgern nebenbei erwähnt, dass in fünf Jahren sowieso die Wende käme. Oder wenn sein Chef, der Bezirksstaatsanwalt, ihn vereinnahmt: „Jeder von uns steht an dem Platz, wo die Arbeiterklasse ihn braucht.“ Amüsant ist auch ein wild um sich berlinernder Michael Gwisdek als hypochondrischer Rentner, der in einem „Zirkel schreibender Arbeit“ nach literarischem Weltruhm strebt.

Es ist aber keine Klamotte geworden. Der unvermeidliche Stasi-Major (Michael Kind) ist alles andere als eine Witzfigur. Die Schicksale der renitenten Blues-Musiker entwickeln sich, wie es sich so etwas damals entwickeln konnte, wenn der Staat nachhalf. Der Grenztruppen-Offizier ist ein Säufer, aber keine Sau.

Petra Kleinert verkörpert hinreißend authentisch eine Kripo-Beamtin, die zeigt, dass man auch bei den „Schutz- und Sicherheitsorganen“ ein höchst anständiger Mensch bleiben konnte. Eine etwas andere Mauergeschichte: spannend und komisch, aber nicht lächerlich. Übrigens auch DDR-sprachlich ein echter Hingucker. Ich fand ihn total spannend.

„Mörder kennen keine Grenzen" lief am 7. April 2009